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Energie, Klimawandel

Freie Fahrt für den Atomausstieg

Kernkraftwerks-Rückbau und Entsorgung machen Nukleartransporten Dampf

Der Countdown für den beschleunigten Ausstieg läuft. Bis 31. Dezember 2022 müssen alle deutschen Kernkraftwerke vom Netz gehen. Einige Anlagen sind schon vollständig beseitigt, andere bleiben noch zig Jahrzehnte unter sicherem Einschluss stehen. Denn bei atomaren Zerfallszeiten tickt die Uhr langsamer. Obwohl Stilllegungen und Rückbau wohl planmäßig verlaufen, bleibt am Ende das enge Nadelöhr Entsorgung.

Auf dem Papier mag der Atomausstieg in Deutschland zwar bereits vollzogen sein, in der Praxis aber ist er noch Halbwertszeiten davon entfernt. Dabei sollen bis Ende 2022 alle Kernkraftwerke vom Netz gehen. Das schreibt die 13. Atomgesetznovelle vom 7. August 2011 verbindlich vor. Die Zeit drängt also. Bis heute sind erst fünfzehn Anlagen entweder vollständig beseitigt, sicher eingeschlossen oder im Rückbau. Sie verteilen sich über das ganze Bundesgebiet:

Siedewasserreaktor Gundremmingen © Paul Bock

Siedewasserreaktor Gundremmingen © Paul Bock

Sicherer Einschluss für Hamm-Uentrop bis 2045 – Kraftwerk Lingen: Rückbaugenehmigung schon 2014?

Im Westen stehen die sicher eingeschlossenen Kraftwerksbetriebe Hamm-Uentrop und Lingen, das nach 25 Jahren Einschluss nun zurückgebaut werden soll. Der Anlagenbetreiber RWE hat den Antrag dazu bereits gestellt. Während der Rückbau des 1997 stillgelegten E.ON-Atommeilers in Würgassen noch in diesem Jahr zum Ende kommt, dauert er im RWE-Kernkraftwerk Mühlheim-Kärlich noch an. Ein Ende der Arbeiten ist dort erst 2019 zu erwarten, wenn die Einlagerung von 3.000 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Abfälle im Endlager „Schacht Konrad“ bei Salzgitter möglich sein wird.

Versuchsreaktor Jülich im Rückbau – Brennelemente bleiben dort 30 bis 60 Jahre im Zwischenlager

Ähnliche Probleme verzögern auch die Demontage des Versuchsreaktors Jülich. Zum Einen erzeugte er als sogenannter Kugelhaufenreaktor Energie aus ca. 100.000 kugelförmigen Brennelementen, deren Lagerung heute höchsten sicherheitstechnischen Aufwand erfordert. Die radioaktive Kontamination des Meilers mit Cäsium und Strontium ist daher besonders hoch. Zum Anderen wartet auch das bundeseigene Unternehmen Energiewerke Nord GmbH, das seit 2003 die Anlage Jülich betreibt, noch auf die Zulassung eines Endlagers, um die beim Rückbau anfallenden Stoffe dauerhaft zu entsorgen. Es errichtete deshalb inzwischen auf dem Gelände der Kernforschungsanstalt neue Lagerhallen und auch ein Zwischenlager für die Reaktorbehälter. Da die hochradioaktiven und wärmeintensiven Brennelemente nach Angaben der Betreiberin erst nach dreißig bis sechzig Jahren für eine Endlagerung bearbeitet werden können, bleiben diese gefährlichen Stoffe bis dahin im betriebseigenen Zwischenlager. Der vollständige Rückbau von Jülich und der Abtransport der letzten Teile in eine ewige Lagerstätte lassen also noch jahrzehntelang auf sich warten.

Versuchskraftwerk Kahl und Heissdampfreaktor Großwelzheim sind vollständig beseitigt

Das Versuchskraftwerk Kahl im Süden der Republik wurde nach 22-jähriger Rückbaudauer 2010 vollständig beseitigt. Es wurde 1960 gebaut und war das erste deutsche Kernkraftwerk überhaupt. Auf dem Gelände des Versuchskraftwerks wurde 1965 ein zweiter Meiler errichtet: der Heissdampfreaktor Großwelzheim. Er war nur von 1969 bis 1971 betriebsfähig und wurde bis 1998 demontiert.

Siedewasserreaktor Gundremmingen © Paul Bock

Siedewasserreaktor Gundremmingen © Paul Bock

Während die Atomanlagen von Obrigheim und Gundremmingen (Block A) noch auf ihren Rückbau warten, steht die Demontage der fünf Greifswald-Blöcke im Nordosten der Republik vor ihrem Abschluss. Sie waren 17 Jahre in Betrieb. 1990 begann ihre Stilllegungsphase. Auch das im Nordwesten gelegene KKW Stade des Betreibers E.ON ist beinahe vollständig abgebaut. Kein Wunder also, wenn der Verkehr nuklearer Transporte auf Deutschlands Straßen brummt. Aber stillgelegte Kernenergieanlagen im Rückbau sind dafür nur ein Grund.

Atomkraftwerke im dauerhaften Nichtleistungsbetrieb warten auf ihren Abriss

Denn Atomkraftwerke anderer Standorte warten auf ihre geplante Stilllegung – quasi im „Standby-Modus“. Als Folge des beschleunigten Kernenergieausstiegs befinden sie sich im sogenannten „dauerhaften Nichtleistungsbetrieb“. Das heißt, die Anlagenbetreiber haben zwar die Berechtigung zum Leistungsbetrieb verloren, müssen aber die notwendigen Systeme durch routinemäßige Checks und Wartungen verfügbar halten. Seit 2011 gilt diese Außerbetriebnahme nicht nur für die Atommeiler von Isar 1, Neckarwestheim 1, Philippsburg 1 und Krümmel, sondern auch für Biblis A und B, Unterweser sowie Brunsbüttel. Bis Ende 2022 müssen diese Reaktoren aber endgültig abgeschaltet sein.

Doch zwischen dem Antrag des Kraftwerksbetreibers auf Stilllegung, den individuellen Genehmigungsstufen und dem tatsächlichen Rückbau eines Reaktors liegen noch einmal viele Jahre. Ist ein Kernkraftwerk abgeschaltet, wie zum Beispiel der Siedewasserreaktor in Krümmel, gilt seine Betriebsgenehmigung in der Regel noch vier bis fünf Jahre. Erst nach Ablauf dieser Frist wird eine erste Genehmigung zur Stilllegung von den zuständigen Landesbehörden erteilt. Damit beginnt die sogenannte Restbetriebsphase. Der Betreiber, also zum Beispiel E.ON, RWE oder Vattenfall, plant die einzelnen Stufen der Stilllegung und legt so zeitlich fest, was wann und wie erledigt sein soll. Von der Entladung der Brennelemente ins Lagerbecken des Meilers bis zur endgültigen Verwertung aller Reststoffe nimmt der Rückbau schließlich nochmal mindestens zehn Jahre in Anspruch. Anzahl und Umfang nuklearer Transporte werden also auch mittelfristig zunehmen.

Auch am Beispiel des Kernkraftwerks Isar 1, das sich wie erwähnt seit 2011 im Nichtleistungsbetrieb befindet, werden die langwierigen Abläufe klar erkennbar: nach eigenen Angaben wird der Betreiber E.ON erst bis April 2016 die Genehmigung zur Stilllegung erhalten. Bevor dann die ersten Baumaschinen anrollen und der Rückbau beginnen kann, müssen die in einem reaktoreigenen Lagerbecken aufbewahrten Brennelemente in ein nahes Zwischenlager transportiert werden. Dieses soll rechtzeitig vorher dafür noch erweitert werden, um maximal 152 Castorbehälter aufzunehmen. Die Rückbauarbeiten sollen etwa 2028 abgeschlossen sein.

Siedewasserreaktor Gundremmingen - ein Auslaufmodell © Paul Bock

Siedewasserreaktor Gundremmingen – ein Auslaufmodell © Paul Bock

Atomgesetznovelle legt maximale Leistungsdauer fest – Countdown für Grafenrheinfeld ab 2015

Dazu kommen die notwendigen Ver- und Entsorgungstransporte zu den Kernkraftwerken, die bis spätestens 2022 Energie liefern werden. Acht Atomkraftwerke sind heute noch in Betrieb. Aber ihre Zahl nimmt stetig ab, was natürlich im Zuge ihres Rückbaus zusätzliche Nukleartransporte erforderlich macht. In der 13. Atomgesetznovelle, die der Gesetzgeber 2011 nach der Atomkatastrophe in Fukushima erlassen hat, sind die Fristen für jeden einzelnen dieser Atommeiler verbindlich festgelegt. Jeder Anlagenbetreiber ist daran gebunden, kann aber zum Beispiel aus betriebswirtschaftlichen Gründen auch schon früher den Antrag auf Stilllegung stellen. So hat sich E.ON entschlossen, seinen Meiler im unterfränkischen Grafenrheinfeld bereits vor dem Countdown am 31.12.2015 abzuschalten. Schon Ende Mai 2015 soll er vom Netz gehen und rückgebaut werden. Ein erneuter Austausch der Brennelemente mit Investitionskosten von 80 Millionen wäre unrentabel.

Fünf Kernkraftwerke gehen bis zum 31.12.2021 vom Netz

Spätestens zum 31.12.2017 endet der Leistungsbetrieb für den Block B im bayerischen Gundremmingen. Da seine Brennelemente erst im Mai 2014 erneuert wurden, bleibt seine Laufzeit laut gesetzlicher Vorgabe wohl ungekürzt. Zwei Jahre danach (31.12.2019) muss der Reaktor Philippsburg 2 in Baden-Württemberg zumachen, während drei Kraftwerke erst am Silvestertag 2021 in die Stillegungsphase gehen müssen: der in Schleswig-Holstein gelegene E.ON-Druckwasserreaktor Brokdorf, der niedersächsische Meiler Grohnde (Brennelementewechsel im April 2014) und der Siedewasserreaktor Grundremmingen Block C in Bayern (Brennelementewechsel im Juli 2014).

Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 müssen spätestens zum 31.12.2022 zumachen

Schon ein Jahr später müssen auch die drei letzten Atommeiler ihren Betrieb einstellen: das RWE-Kernkraftwerk Emsland in Niedersachsen, der Druckwasserreaktor Isar 2 von E.ON in Bayern und Neckarwestheim 2, eine Atomanlage der EnBW in Baden-Württemberg. Der verbriefte Ausstieg aus der Kernenergie wird zwar so bis dahin vollzogen sein, der Kraftwerksabbau aber mit tonnenschweren Nukleartransporten wird noch viele Jahre richtig boomen. Dazu kommt, dass andere kerntechnische Anlagen, Landessammelstellen und Zwischenlager weiterhin in Betrieb bleiben. Denn die 13. Atomgesetznovelle schreibt nur die fristgerechte Abschaltung von Kernkraftwerken vor.

Dabei weiß heute niemand, wieviel Nukleartransporte noch über Deutschlands Schienen und Straßen rollen werden, bis auch der letzte radioaktive Abfall sicher entsorgt sein wird. Hochradioaktive Teile, wie abgebrannte Brennelemente, können frühestens nach 20 Jahren in ein geeignetes Endlager geschafft werden. Wann das geplante Endlager „Schacht Konrad“ dafür die entsprechende Zulassung erhalten wird, bleibt offen. Sicher aber ist, dass er ab 2019 schwach- und mittelradioaktive Abfälle aufnehmen darf. So bleibt Deutschland nach dem erfolgreichen Ausstieg aus der Kernenergie immerhin ein guter Weg in eine hoffentlich dauerhaft sichere Entsorgungskultur.

© Paul Bock

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