FSC-Zertifikat verliert Glaubwürdigkeit

Zertifikate gewährleisten Nachhaltigkeit und Produktqualität

Achten Sie beim Einkaufen auf Zertifikate? Diese sollen den Verbrauchern Qualität und Nachhaltigkeit von Erzeugnissen und Dienstleistungen gewährleisten. Angaben zum Zertifikat finden Sie zum Beispiel auf Produktetiketten. Mit Zertifikaten werden vorgegebene Anforderungen verbindlich nach- und ausgewiesen. Dabei erscheinen die zahllosen Arten unterschiedlicher Zertifizierungen uns Laien so verwirrend wie die bunte Palette internationaler Institutionen, die diese vergeben dürfen.

FSC-Zertifikat auf Kopierpapier © Paul Bock
FSC-Zertifikat auf Kopierpapier © Paul Bock

Die Bandbreite reicht von „international anerkannten Nachweisen zur persönlichen Befähigung“ über die „Zertifizierung von Produkten und Dienstleistungen“ bis hin zur „Zertifizierung zum Nachweis der Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards“. Letztere ruht auf dem Fundament Fairen Handels mit dem Ziel, das wirtschaftliche und soziale Gefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern dauerhaft auszugleichen.

Doch einmal vergeben fehlen oft wirksame Kontrollmechanismen, um die Rechtmäßigkeit zu überwachen. So kleben weiterhin Nachweisvermerke auf Produkten, nach denen Verbraucher ihre Kaufentscheidungen wider besseres Wissen ausrichten. Dazu zählt zum Beispiel das Zertifikat des FSC (Forest Stewardship Council).

Gütesiegel FSC kennzeichnet weltweit nachhaltig hergestellte Walderzeugnisse

1993 gründeten regierungsunabhängige Organisationen und Vertreter der Holzindustrie den FSC mit dem Ziel, die fortschreitende globale Vernichtung tropischer Wälder auszubremsen. Zu den Initiatoren zählte auch die Umweltschutzorganisation Greenpace und der WWF. Der deutsche Sitz des FSC liegt in Bonn. Der FSC Deutschland arbeitet als gemeinnütziger Verein für verantwortungsvolle Waldwirtschaft e.V. Daher darf er keine Gewinne ausschütten. Er hat 172 Mitglieder und 53 „unterstützende Fördermitglieder“ (Stand 2018). Neben dem FSC hat sich in Deutschland die Holz und Wald Zertifizierungsgesellschaft mbH (HW) etabliert. Ein weiteres Waldzertifizierungssystem ist „Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes“ (PEFC), (Programm für die Anerkennung von Forstzertifizierungssystemen), eine unabhängige internationale Organisation, die nachhaltige Waldwirtschaft unter ökologischen Gesichtspunkten sicherstellt.

PEFC-Zertifikat auf Schreibblock © Paul Bock
PEFC-Zertifikat auf Schreibblock © Paul Bock

Als eingetragenem Verein darf auch die Konzernmutter FSC A.C. mit Sitz in Oaxaca, Mexiko keine Gewinne ausschütten. Daher hat sich sie sich zu einem Millionenunternehmen gemausert. Kein Wunder, denn bisher schlossen sich 85 Staaten dem Verein an. Auf der ganzen Welt hat der FSC International 800 Mitglieder. Im April 2018 beleuchtete Holzkurier.com das finanzielle Fundament des FSC. Dabei ergibt sich, dass sich der Non-Profit-Verein zu einem großen Teil aus Sponsorengeldern und Zertifikatsgebühren finanziert, die Subunternehmen, Sägewerke und weitere holzverarbeitende Firmen regelmäßig an ihn zahlen. Jede Firma, die für den FSC arbeitet, zahlt ihre Gebühr.

Die verfügbare Kapitalsumme hat bereits 2016 mindestens 15 Millionen US-Dollar betragen. Das heißt, einer hohen Einnahmesumme stehen nur geringe Ausgaben gegenüber. Im Jahreslauf fließen auch Spenden in den Einnahmetopf. So wächst das weltweit verfügbare Kapital des Konzerns sehr stark.

FSC-Gütesiegel gelten vom Urwald bis zum Baumarkt

Um das Zertifikat zu führen, müssen allerdings alle Rädchen, die sich im Verarbeitungsprozess drehen, den Anforderungen des FSC-Gütesiegels dauerhaft genügen. Um das zu gewährleisten, bleiben regelmäßige Kontrollen unerläßlich. Die zu prüfende Produktionskette beginnt in tropischen Wäldern und endet in heimischen Holz- und Verbrauchermärkten. Egal, ob Holzlatten, -paneelen und -balken, ob Kopier-, Toiletten- und Kosmetikpapiere, Haushaltstücher oder „Tempos“, FSC-zertifizierte Produkte füllen auch in Deutschland die Regale. Neben den letztgenannten Erzeugnissen dürfen auch sogenannte Holznebenprodukte das FSC-Siegel tragen. Darunter fallen zum Beispiel Reisig, Harze, Pilze und Beeren.

Holzstämme_R_K_B_by_Alipictures_pixelio.de
Holzstämme_R_K_B_by_Alipictures_pixelio.de

Dabei bietet der Konzern verschiedene Abstufungen an, die auch den Verbrauchern Qualität und Nachhaltigkeit verdeutlichen. Im Sortiment finden Sie „100%“, „Mix“ und „Recycled“. Während „100%“ deklariert, dass der Rohstoff Holz aus vollständig zertifizierter Quelle stammt, lassen sich bei der Bezeichnung „Mix“ keine genauen Rückschlüsse festmachen. Denn so gekennzeichnete Produkte können durchaus auch gar keine zertifizierten Holzquellen aufweisen. Trotzdem soll das System zur Vermeidung umstrittener Holzquellen dienen.

Oft bleibt also undurchsichtig, aus welchen Quellen das Erzeugnis tatsächlich stammt. In den riesigen Tropenwäldern lassen sich illegale Holzeinschläge und dubiose Zulieferer nur mangelhaft kontrollieren und aufgedecken. Die letztgenannte Abstufung „Recycled“ weist Produkte aus aus wiederverwerteten Hölzern aus.

Das vor 40 Jahren in Deutschland eingeführte Umweltzeichen „Der Blaue Engel“ steht ebenfalls für nachhaltige umweltschonende Dienstleistungen und Erzeugnisse. Als Inhaber des „Blauen Engels“ zeichnet das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) verantwortlich. Fachleute des Umweltbundesamts pflegen fortwährend die hohen Produkt- und Dienstleistungsstandards des Umweltzeichens. Mit dem Kauf so ausgezeichneter Artikel treffen Sie eine gute Wahl.

Umweltzeichen Blauer Engel auf Altpapier © Paul Bock
Umweltzeichen Blauer Engel auf Altpapier © Paul Bock

FSC verrät nachhaltige, ökologische und soziale Ziele

Seit seiner Gründung hat sich der FSC (Forest Stewardship Council) nicht nur zum Ziel gesetzt, tropische Wälder nachhaltig zu erhalten, sondern auch ökologische und soziale Gegebenheiten vor Ort. Immerhin leben dort unzählige Tier- und Pflanzenarten neben menschlichen Ureinwohnern (indigene Völker) in harmonischem Miteinander.

In der Praxis heißt das, Holzfäller dürfen nur einzelne, genau ausgewählte Bäume schlagen, die sie danach gezielt durch Jungpflanzen ersetzen. Natürlich stärkt ein solches Vorgehen den Artenschutz. Weiterhin bedeutet das, Rechte und Lebensräume indigener Menschen zu respektieren und zu schützen. Der Verein hat zehn Standardprinzipien entwickelt, um diesen und weiteren Kriterien erfolgreich nachzukommen. Inzwischen aber kommen ernste Zweifel auf, ob der FSC seine selbstgesteckten Ziele wirklich erfüllt.

Zweifelhafte Waldwirtschaft des FSC in Peru, Brasilien und dem Kongo

Sicherlich bleiben diese Standardprinzipien eine immerwährende Herausforderung, eine Gratwanderung zwischen dem Erhalt vielfältigen Lebens, gewachsener Kulturgüter der Ureinwohner und wirtschaftlicher Erfordernisse.

Ein weltumspannendes, verwobenes Thema, das zwei professionelle Journalisten vor Ort genau recherchierten.  Der Autor und mehrfach ausgezeichnete Fernsehjournalist Thomas Reutter und der SWR-Journalist, studierte Biologe und Autor zahlreicher Dokumentationen Manfred Ladwig machten sich auf den weiten Weg in die Tropenwälder. Dabei entstand der besonders empfehlenswerte Film der ARD „Die Story im Ersten – Die Ausbeutung der Urwälder“ (ARD-Sendung vom 5.2.2019, Dauer 45 Minuten).

Die Journalisten sprachen vor Ort mit Vertretern der Holzwirtschaft und Indigenen. Dabei kämpften sie mehrfach gegen offenes Misstrauen und unverhohlene Abwehr an. Manchmal gelangen Dreharbeiten und Interviews nur, wenn Insider, Indigene und Umweltschutzgruppen die Journalisten unterstützten. Offenbar haben Mitarbeiter des FSC kein Interesse an kritischer Öffentlichkeit. Natürlich nahm der FSC-Geschäftsführer des FSC, Dr. Uwe Sayer, auch Stellung.

Folgen Sie jetzt Thomas Reutter und Manfred Ladwig in fsc-zertifizierte Tropenwälder. Begleiten Sie sie nach Peru, in den Kongo, nach Brasilien und in die Taiga. Nehmen Sie sich dazu 45 Minuten Zeit. Der Film bietet Ihnen aktuelle und fundierte Informationen. Sie werden staunen, wie der Forest Stewardship Council seine selbstgesteckten Ziele in den genannten Ländern missachtet: „Die Story im Ersten – Die Ausbeutung der Urwälder“ (ARD-Sendung vom 5.2.2019, Dauer 45 Minuten).

Der FSC nimmt gegen die im Film dargestellten Sachverhalte vehement Stellung. Der Verein wehrt sich darin gegen „erschreckende Bilder von getöteten Aktivisten, heimatlosen indigenen Gemeinden und abgeholzten Gebieten.“ In seinem FSC-Faktencheck geht der Verein zu kritischen Punkten des Films im Einzelnen ein. Sie können den Check hier im Pdf-Format ansehen, herunterladen und ausdrucken (deutsch, 6 Seiten).

Im Zuge dieser Missstände hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace bereits im Frühjahr 2018 ihre Mitgliedschaft gekündigt. Wie der World Wildlife Fund (WWF) hatte sie den FSC mitgegründet. Michael Weiland führte zum Austritt ein Interview mit dem Waldexperten von Greenpeace, Christoph Thies. Auch der WWF zieht aus der zweifelhaften Entwicklung des FSC Konsequenzen und lässt eine aktuelle Studie über Sinn und Zweck des Vereins erstellen.

 

Weiterführende Links zum Thema für Sie:

FSC-News-Updates

Weltweite Zertfikatsliste des FSC zu Lizenznummern, Organisationen und Produkten

Einkaufsratgeber des PEFC

Produktwelt des „Blauen Engels“ in der Kategorie „Papier und Druck“

Interview mit dem Geschäftsführer des FSC, Dr. Uwe Sayer,aus dem Magazin LifeVERDE.DE

Die Stiftung Unternehmen Wald informiert Sie umfassend zum Thema Wald, Forstwirtschaft, Holzzertifikate und vieles mehr. Sie finden dort auch einen Waldknigge und sehr gute Verbrauchertipps

 

© Paul Bock

2 Kommentare zu „FSC-Zertifikat verliert Glaubwürdigkeit

  1. Hallo Paul, wieder ein sehr informativer Artikel 🙂 Ich finde es toll, wie gründlich du immer für deine Beiträge recherchierst. Schade, dass wieder ein Zertifikat an Glaubwürdigkeit verloren hat. Hoffentlich können die Verantwortlichen das Vertrauen eines Tages zurückgewinnen. Liebe Grüße, Dario 🙂

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    1. Hallo Dario, herzlichen Dank für Deine Anerkennung. 👌 Nach meiner Überzeugung gelingt es mir nur, gute Artikel zu schreiben, wenn ich vorher nach allen Seiten tief grabe. Außerdem sehe ich meine Aufgabe darin, Missstände objektiv aufzudecken. Wer macht sich schon über den FSC Gedanken? Jetzt nach der Publizierung meines Beitrags, den vielleicht doch einige Menschen lesen, denken sie über den Verein wohl etwas anders. Liebe Grüße vom Paul 😊

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