Hans und Franz begegnen sich

Schon vor Wochen war mir der unbekannte Mann aufgefallen. Auf meinen täglichen Spaziergängen durch den Park begegnete ich ihm oft. Er stützte sich auf einen Rollator, den er langsam vor sich herschob. Sein Haar schimmert mattgrau, und durch seine randlose Brille zwinkert er unaufhörlich, so als ob er unruhig sei.

Rentner_R_K_by_Paul-Georg Meister_pixelio.de

Tagaus, tagein trägt er ein kariertes Baumwollhemd und darüber eine ausgewaschene, graue Trainingsjacke. Seine ausgebeulte Jeans erzählt von vergangenen Tagen und langer Verwendung. Seine neuen, dunkelroten Turnschuhe stehen dazu in lebendigem, beinahe fröhlichem Kontrast.

Seine ernsten Gesichtszüge lassen ein sorgenvolles Leben vermuten. Beim Gehen wandern seine Blicke unablässig von links nach rechts. Dabei fallen mir seine grau-blauen Augen auf. Was mögen sie schon alles gesehen haben. Mit sicheren Schritten bewegt er seinen hochgewachsenen Körper hinter dem Rollator her.

Foto von mir, dem Autor dieser Geschichte

Ich begegne ihm täglich fast immer an der gleichen Stelle des Weges, wenn er hinter einer Buschgruppe auftaucht, die den Park von Süden her durchzieht. So kreuzen sich unsere Wege immer wieder gegen 14 Uhr am Nachmittag. Pünktlich wie ein Uhrwerk.

Seit vielen Tagen bewegten mich zahlreiche Fragen: was mag den Unbekannten in den Park führen? Wo lebt er? Hat er Familie? Warum geht er am Rollator? Meine Phantasie erzählt Bände, und meine bunten Vermutungen ziehen weite Kreise.

Ich nehme an, er sei wohl im Ruhestand und verfügt über viel Tagesfreizeit. Schon mein ganzes Leben lang webe ich Geschichten aus meinen Beobachtungen. Der unbekannte Spaziergänger hinter seinem Rollator regt meine Phantasie ganz besonders an. Ich habe mir vorgenommen, heute mit ihm ins Gespräch zu kommen, um seine Geheimnisse zu lüften.

Dazu bietet sich mir sicherlich eine gute Gelegenheit, wenn er wieder in der nahegelegenen Cafeteria einkehrt und dort seinen Stammplatz einnimmt. Den Rollator parkt er in leicht erreichbarer Nähe neben dem Tisch. Als ich mir einen freien Tisch neben seinem suche, höre ich, wie er sich eine Portion gemischtes Eis und eine Tasse Cappuccino bestellt. Der Kaffeeduft macht mir Appetit.

Leckere Köstlichkeiten in der Cafeteria

Ich suche mir einen freien Tisch neben seinem. Als ich meinen Kaffee und ein Stück Erdbeerkuchen bestelle, schaue ich zu ihm hin und nicke ihm freundlich zu. Unsere Blicke treffen sich, und er grüßt zurück.

„Sie kommen auch regelmäßig hierher“, nahm ich das Gespräch mit ihm auf. „Ich habe Sie hier gelegentlich schon gesehen.“

„Ja, eine wahre Ruheoase. Ich schätze sie sehr,“ gibt der Unbekannte zurück und beginnt, sein Eis zu löffeln.

„Auch das Eis und der Kaffee schmecken vorzüglich. Bin schon sehr oft hergekommen“, versuche ich das Gespräch in Gang zu halten.

Fröhlich-bunte Blumen

„Sie wohnen hier in der Nähe?“ fragt er mich und wendet sich mir zu.

„Ich habe eine kleine Wohnung vorn am Rande des Parks.“

„Dann sind wir mehr oder weniger Nachbarn. Ich wohne seit den 90-er Jahren Stauffenberg-Allee 4a … Ihnen bin ich bisher noch nicht begegnet.“

„Seltsam, ich habe Sie beim Spaziergang schon oft gesehen“, stelle ich verwundert fest.

Ruhe und Entspannung im Park

„Laufen Sie schon länger mit dem Rollator?“ fahre ich fort und erwarte eine ausweichende Antwort von ihm. Aber er entgegnet ohne zu zögern: „Vor fünf Jahren zwang mich ein Unfall dazu. Dann sechs Wochen im Krankenhaus und vier Wochen Reha in den Bergen. Hatte zuerst sogar einen Rollstuhl. Nun habe ich mich ganz gut erholt. Aber ohne Rollator geht es noch nicht.“

„Ein Verkehrsunfall?“

Eichenblätter_R_K_B_by_Rosel Eckstein_pixelio.de

„Nein, ein Arbeitsunfall. Bin am Bau vom Gerüst gestürzt. Ausgerutscht und vier Meter tief gefallen. Nun bin ich Rentner. Muss mich natürlich einschränken. Unterkriegen lasse ich mich dadurch nicht. Bin schon immer ein Kämpfer gewesen.“

Er schweigt einen Augenblick. Dann stellt er sich mir vor: „Ich heiße Franz, Franz Lehmann.“

Etwas zu förmlich erwidere ich: „Angenehm, Franz. Ich heiße Hans Bauer. Bin jetzt auch im Ruhestand.“

Plötzlich huschte ein kurzes Lächeln über sein Gesicht, als er sagte: „Hans und Franz … Eine wirklich interessante Begegnung. Ich glaube, wir werden uns hier nun wohl öfter treffen.“

Ich sehe ihm an, dass er es so meint, wie er es sagt. Denn seine Gesichtszüge entspannen sich, und seine grau-blauen Augen strahlen mich an.

„Das freut mich, Franz. Ich schätze gute Gespräche.“

So lüftete ich das Geheimnis des unbekannten Spaziergängers. Franz und ich erfreuen uns seitdem an einer tiefen, lebendigen Freundschaft

Copyright Paul Bock 😊

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