Geschichten

Das Weihnachtsfest trägt keltische Handschrift

Auf verwischten Spuren zu Christgeburt, Neujahrs- und Dreikönigsfest

Die Feste um die Jahreswende haben keltische Wurzeln. Aus Alban Arthuan und den Raunächten entwickelte sich das christliche Weihnachts-, Neujahrs- und Dreikönigsfest.

Die Geschichte der Kelten erzählt nicht nur von ihren mutigen Kriegern, die in blitzenden Brustpanzern um Land und Macht kämpften. Sie berichtet nicht nur über ihren Ackerbau mit selbstgefertigten eisernen Pflugscharen, ertragreichem Handel mit Salz oder feiner Schmiedekunst und der Erfindung einer Vorform von Seife. Auch ein tiefer Glaube gehörte als festes Fundament zu ihrem Leben. Im christlichen Weihnachten finden sich noch heute keltische Bräuche aus jener Zeit.

Weihnachtskerzen 1. Advent copyright Paul Bock
Weihnachtskerzen 1. Advent copyright Paul Bock

Die keltische Besiedlung des heutigen deutschen Raumes datieren Historiker etwa auf das 4. bis 2. Jahrhundert vor Christi Geburt. Dabei erstreckte sich ihr Gebiet vom Südwesten Deutschlands über die Rheingegend bis zum Nordrand der Mittelgebirge.

Zur Wintersonnenwende kehren Licht und Leben zurück

Neben dem Sozialsystem war auch das religiöse Leben der Kelten klar gegliedert. So waren alle kultischen Feiern im achtspeichigen keltischen Jahresrad festgelegt. Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen bestimmten dabei die einzelnen Festtage. Zum Beispiel begingen die Kelten zur Wintersonnenwende alljährlich das Fest Alban Arthuan, das aus verschiedenen Gründen eine hohe kultische Bedeutung besaß.

brennende Weihnachtskerzen copyright Paul Bock
brennende Weihnachtskerzen copyright Paul Bock

In dieser längsten Nacht des Jahres, der sogenannten Mutternacht, brachte nach keltischem Glauben eine Göttin von neuem das Sonnenkind zur Welt. Darin erfüllte sich für die Kelten die Gewissheit, im ewigen Kreislauf des Lebens wiedergeboren zu werden. In gleicher Weise kehrten Licht und Leben in der Mutternacht zu ihnen zurück. Je nach dem Stand von Sonne und Mond fiel Alban Arthuan ungefähr auf den 21. Dezember.

Dass Alban Arthuan zeitlich mit dem christlichen Weihnachtsfest zusammenfällt, ist natürlich kein Zufall. Um die keltischen Stämme leichter zum Christentum zu bekehren, gestand ihnen nämlich Rom den gewohnten Zeitpunkt ihres Festtags weiterhin zu. Dafür verlegte Papst Hippolytos im Jahr 217 die Geburt Jesu vom Frühjahr auf den Dezember, auf die Nacht vom 24. zum 25. Dezember. Deutschland übernahm diesen Termin erst 813.

Weihnachtskerze_R_by_Robert Köhn_pixelio.de
Weihnachtskerze_R_by_Robert Köhn_pixelio.de

Weihnachts-, Neujahrs- und Dreikönigsfest wurzeln in den keltischen Raunächten

Wie verschiedene Quellen berichten, endeten die keltischen Feierlichkeiten keineswegs mit der Mutternacht. Sie dauerten vielmehr bis zum 25. Dezember oder dem heutigen Dreikönigsfest. In diesen „Raunächten“ trieben die Kelten alle Dunkelheit aus und begrüßten Licht und Wärme, um die beständige Wiederkehr ewigen Neubeginns zu leben. Sie reinigten ihre Höfe mit dem Rauch immergrüner Zweige, brannten Kerzen an oder entfachten im Freien offene Feuer, die weithin sichtbar leuchteten.

Am Abend vor der Wintersonnenwende entzündeten sie einen sorgsam ausgesuchten Eschenstamm, dessen Glut sie für zukünftiges Glück zwölf Stunden lang schürten. In späterer Zeit ersetzten sie den Stamm durch einen frisch geschlagenen Baum, an dessen Ästen sie ein Heer von Kerzen anbrannten. Um schützende Kräfte für ihre Sippe und Habe wiederzubeleben, schmückten sie die Häuser liebevoll mit Mistel-, Tannen- oder Fichtenzweigen aus. Die Mistel sollte zudem ein fruchtbares Jahr bringen.

Weihnachtskerzen 2. Advent copyright Paul Bock
Weihnachtskerzen 2. Advent copyright Paul Bock

Noch heute werden zum Beispiel im Allgäu in ähnlicher Weise die Raunächte am Weihnachts-, Neujahrs- und Dreikönigsfest begangen. Wenn sich auch nicht überall die alten Bräuche so lebendig wie dort zeigen, finden sich doch in vielen weihnachtlichen Haushalten deutliche Symbole aus keltischer Zeit.

Alban Arthuan und Weihnachten sind lichtvolle Familienfeste

Zu keiner anderen Zeit erstrahlen heute die Fenster und Wohnungen in hellerem Licht als in den Tagen der Jahreswende. Ob Kerzenlicht über einem Tannenzweig brennt oder ein dekorativer Weihnachtskranz auf dem Tisch leuchtet, ob bunte Lichterketten die Fenster erhellen oder ein geschmückter Weihnachtsbaum feierlich glänzt, das alte Hoffnungs- und Schutzsymbol „Licht“ ist so beliebt wie eh und je. Reiche Anwendung finden auch die stimmungsvollen Räucherstäbchen, und wie vor 2000 Jahren ziert vielerorts ein heilbringender Mistelzweig Tür und Tor.

Weihnachtsbaum copyright Paul Bock
Weihnachtsbaum copyright Paul Bock

Schon in keltischen Tagen war die Zeit zwischen den Jahren ein Familienfest. Bei erlesenem Hirschbraten und frischem Dinkelgebäck saß die ganze Sippe fröhlich beisammen. Es wurde reichlich gegessen und getrunken. Für ihre üppigen und ausgedehnten Festgelage waren die Kelten weithin bekannt. So mag der übermäßige Weihnachtsschmaus von heute im Kreis der Lieben wohl ebenfalls keltische Wurzeln haben.

Offen bleibt allerdings die Frage, warum Menschen die Feste um die Jahreswende noch heute nach keltischem Brauch begehen. Pflegen sie sie aus innerer Überzeugung oder weil sie wie jedes Jahr vor der Tür stehen? Mag sein, sie empfinden im Herzen noch wie die Kelten.

© Paul Bock

Dein Lebenszug rollt

Dein Leben gleicht einer Zugfahrt. Es gibt Haltestellen, Umwege, aber auch Unfälle. Du steigst ein, triffst deine Eltern und denkst, sie begleiten dich immer. Aber irgendwo steigen sie aus. Dann musst du ohne sie weiterreisen.

Zahlreiche Passagiere steigen in Deinen Zug: deine Geschwister, weitere Verwandte und Freunde, aber auch deine Liebe fürs Leben. Viele steigen wieder aus, und ohne sie spürst du eine große Leere in dir. Andere verlassen den Zug unbemerkt, und es fällt dir erst später auf. Mal reist du voller Freude in deinem Lebenszug, mal mit blutendem Herzen. Du begrüßt Menschen oder verabschiedest sie.

Wohin führt uns der Weg? Copyright by_Kurt Michel_pixelio.de
Wohin führt uns der Weg? Copyright by_Kurt Michel_pixelio.de

Entwickelst du dabei eine gute, friedvolle Beziehung zu jedem Menschen, fährt dein Zug ruhig auf dem richtigen Gleis.

Allerdings bleibt dir bis zum letzten Bahnhof verborgen, wann du selbst aussteigen musst.

Versuche daher, dein Bestes zu geben: lebe und liebe und vergebe. Dann bleiben nur gute Erinnerungen an dich zurück. Packe also Liebe, Gesundheit, Erfolg und Geld in deinen Rucksack und genieße deinen Lebenszug. Dann wirst du eine bequeme Fahrt mit angenehmen Passagieren erleben. Gute Reise.

(nach einer Idee aus unbekannter Quelle)

© Paul Bock

 

Herbststurm

Der Himmel hatte sich drohend zugezogen. Von Westen trieb der kalte Herbstwind schwere Wolken vor sich her. Mehr und mehr verwandelte sich nun der farbenfrohe Mischwald in mattes Graubraun. Die Schatten der Wolkenberge legten sich dunkel über den Wald, und allmählich brach der Abend herein. Der Wind fegte in den Frieden der Baumwipfel hinein, ganz so wie die Brandung des Meeres sich an Uferfelsen bricht, einen Atemzug lang innehält, bevor sie sie dröhnend von neuem umschlingt. Windstöße jagten tief in die Baumschluchten hinab, wirbelten dabei Blätter und Zweige durcheinander. Rundum rauschte er durchs Geäst, das unter seiner Macht wogte und sich bog. Äste knackten, brachen entzwei, wirbelten polternd herab und rissen andere mit sich.

Farn © Paul Bock
Farn © Paul Bock

Hartmut befand sich schon auf dem Rückweg, als ihn der Sturm noch im Wald überraschte. Hinter ihm lag ein ausgedehnter Spaziergang. In einer halben Stunde wollte er sein Auto wieder erreichen. Der junge Mann freute sich auf einen ruhigen Abend zu Hause, an dem er sich noch die Aufsätze seiner 4. Klasse ansehen musste. Mit weiten Schritten schlug der Lehrer jetzt einen schmalen Fußweg ein, um im Schutz des Waldes den entfesselten Naturgewalten rechtzeitig zu entgehen. Mühsam kämpfte er gegen Windböen an, den rechten Arm schützend über den gesenkten Kopf gestreckt. Im Halbdunkel nahm er den Pfad vor sich nur undeutlich wahr. Den Blick zu Boden gesenkt, spürte er, wie sich seine Jacke an einem Ast verfing, zerrte daran und hastete weiter voran.

Als schließlich kräftiger Regen ins Unterholz peitschte, zog sich Hartmut tiefer ins Dickicht zurück. Er besann sich für einen Augenblick, knöpfte seine Jacke zu und beschloss, trotz des Sturms weiter zu gehen. Vorsichtig tastete er sich das dunkel drohende Baumgewirr. Der Sturmwind fegte ihm nasse Blätter und spitze Zweige ins Gesicht. Abgerissene Äste stürzten auf den Pfad. Mit gewaltigen, unsichtbaren Armen zerrte der Orkan an den Bäumen. Kronen krachten gegeneinander. Morsches Unterholz wirbelte auf.

Erschrocken fuhr Hartmut herum, als eine mächtige Kiefer – lauter als alles Tosen ringsum – hinter ihm zerbarst.

Zu spät erkannte er die Gefahr. Der Stamm splitterte. Er sah noch, wie sich der Baum zur Seite neigte und zu Boden stürzte. Er spürte noch, wie ein starker Ast gegen Kopf und Schultern schmetterte. Bewusstlos blieb er darunter liegen. Der Baumriese schwang auf dem schweren Waldboden aus.

Farn © Paul Bock
Farn © Paul Bock

Schon lange war der Sturm zur Ruhe gekommen, und die Wolken hatten ihre Last abgeregnet. Am sternenklaren Himmel strahlte die Mondsichel nun über den Forst, den sie in friedliches Zwielicht tauchte. Hier türmten sich hingeworfene Bäume übereinander, die sich wie rätselhafte Wesen die Arme reichten. Noch immer klatschten Wassertropfen vom Blätterdach ins gespenstische Halbdunkel herab.

Hartmut kam langsam zu sich. Ein stechender Schmerz tobte in seiner linken Schulter. Beissend zog er sich bis zum Ellenbogen herab. Vorsichtig versuchte er, das rechte Auge zu öffnen und erkannte – zuerst verschwommen, dann deutlicher –  seinen rechten Arm vor sich. Die Finger hatten sich in den aufgeweichten Boden festgekrallt. Schaudernd fühlte er klebrigfeuchte Erde in der Hand und schmutzige Krümel unter den Fingernägeln. Ein vielbeiniges Insekt kribbelte zaghaft auf der Haut. Teilnahmslos ließ er es gewähren. Der Augendeckel senkte sich müde und schloss das Halbdunkel wieder aus. Er spürte, wie Wassertropfen vom Haar übers Gesicht rannen. Die linke Wange schmiegte sich auf den Boden, der angenehm frisch war und so sein heisses Gesicht kühlte. Im Mund machte sich jetzt ein bitterer Geschmack breit. Erde und welke Blätter klebten darin. Er spürte, wie Fichtennadeln ihm ins Zahnfleisch stachen. Ekel stieg in ihm auf. Angestrengt versuchte er, Speichel zu sammeln, um den Batzen auszuspucken. Aber der Mund blieb zu trocken, und die Zunge wälzte nur die Fracht herum.

Hartmut bewegte den Kopf etwas zur Seite, um den Mundwinkel leichter vom Boden zu lösen. Er hustete und würgte das Gemenge schließlich heraus. Plötzlich jagte ein stechender Schmerz durch seinen Schädel – als ob pfeilspitze Stricknadeln ihn von allen Seiten aufspießten. Er stöhnte gequält auf. Tränen quollen ihm aus den Augen. Die Rechte ballte sich zur Faust. Erst als der Schmerz endlich nachgelassen hatte, wagte er, den Mund wieder zu öffnen und erschöpft auszuatmen.

Nun wusste Hartmut wieder genau, was geschehen war. Warum war er nur so unvorsichtig gewesen? Eine Weile lag er völlig reglos und horchte in die Nacht hinein. Er überlegte, wielange er wohl bewusstlos gewesen war. Die Bäume und Sträucher schwiegen ihn an, nur welkes Laub vor seinem Gesicht flüsterte ihm Unverständliches zu. Es roch säuerlich. Keine menschliche Stimme, kein Ruf drang zu ihm her. Vergeblich versuchte er, das Zifferblatt seiner Armbanduhr zu erkennen. Aber die Nacht verschluckte alle Konturen. Dann begann er zu zählen. Im Minutentakt mehrmals bis 60. Wieder und wieder, bis die Zahlen ihm einen Streich spielten und vor seinen Augen auf einer Schultafel zu tanzen begannen. Schließlich gab er es auf. Die Nacht würde lang werden.

Hartmut fiel ein, dass ihn niemand vermisste. Denn seine Frau war übers Wochenende mit den Buben in die Stadt gefahren, wo sie die Großeltern besuchten. Fest entschlossen wollte er die Nacht durchhalten und dem scheinbar Unausweichlichen trotzen. Auch wenn Kälte und Schmerzen allmählich einen Pakt schlossen, der ihn schon jetzt in die Zange nahm. Wahrscheinlich würden Waldarbeiter und der Förster am frühen Morgen kommen, um den Sturmbruch zu sichten. Sie würden ihn finden, wenn er laut um Hilfe riefe, ihn rasch in Sicherheit bringen.

Farn © Paul Bock
Farn © Paul Bock

Der Verunglückte betastete seinen Körper. Die linke Schulter schmerzte höllisch. Der Arm klemmte unter dem Bauch und war völlig gefühllos. Was war mit den Beinen los? Er spürte sie nicht mehr. Ein Kälteschauer durchzuckte ihn, und die pulsierenden Stiche in der Schulter zogen messerscharf den Rücken hinab. Wieder sausten Stricknadeln gegen die Schädeldecke. Sie lähmten sofort jeden Gedanken.

Benommen nahm Hartmut wahr, dass seine Jacke nass und sackschwer auf ihm lag. Das Hemd darunter klebte wie eine zweite Haut am Oberkörper. Feuchte Kälte kroch über ihn hinweg und schlich sich bei ihm ein. Gierig und beissend schleckte sie an Fingerspitzen und Armen, zog den Rücken hinauf. Nur an den Beinen spürte er nichts davon. Ein leichter Wind hatte eingesetzt und trieb Regentropfen aus den Zweigen herab. Sie prasselten auf ihn nieder, während die kalte Luft seinen Körper zerschnitt. Seine Zähne begannen zu klappern, der ganze Leib schlotterte, heiss fieberten Augen und Stirn. Dabei machten sich seltsame Gedanken auf und malten Bilder, genährt von Hoffnung und Verzweiflung.

Wie ein Zuschauer beobachtete er sich selbst. Mühsam holte er den rechten Arm heran, winkelte ihn ein und stemmte ihn fest gegen den Boden. Dann zog er den linken unter dem Bauch hervor und baute ihn als zweite Stütze neben sich auf. Dabei wunderte er sich, dass die linke Schulter keine Schmerzen mehr bereitete. So drückte er den Oberkörper hoch, bog die Beine ein und kniete sich hin. Schließlich wagte er, sich ganz aufzurichten und stand noch etwas wankend im Unterholz. Immer wieder fielen Fieberträume über ihn her und lähmten jeden klaren Gedanken. Hilflos starrte er vor sich hin.

Allmählich ließ der Schüttelfrost nach. Hartmut weigerte sich, in der Einsamkeit des Waldes zu erfrieren. Er beschloss, an den Waldrand zu kriechen. Vorsichtig zog er den rechten Arm näher zu sich heran, aber ein dickes Laubpolster staute sich unter dem Ärmel und bremste die Bewegung ab. Nur ellenweit folgte der Arm seinem Willen. Weil auch die rechte Faust geschlossen blieb und wie eine Egge den Boden pflügte. Angst und Zweifel fieberten plötzlich in ihm auf. Hatte ein neues Bild ihn zum Narren gehalten? Ausser Atem schloss er die Augen, um sich enttäuscht auszuruhen. Hinter seinen Lidern tanzten rote, blaue und grüne Blitze, kreisten und wirbelten ineinander.

Hartmut lauschte seinem Atem. Argwöhnisch belauerte er seine Schmerzen, die ihn wie ein Flammenmeer verzehrten. Lebenshungrig sog die Lunge kalte Luft ein. Der Kopf dröhnte und pochte. Blut jagte durch die Adern. Die Kälte hatte den letzten Funken Wärme ausgetrieben. Still und wehrlos spürte er ihren Triumpf nicht mehr. Lächelnd nahm er das geschmeidige Streicheln des Blutes auf der Haut noch wahr. Ein zarter Rinnsal kroch vom Kopf über den Hals herab. Nun genoss er den herben Geruch feuchten Waldbodens dicht unter seiner Nase. Seltsam unbeteiligt und entspannt erlebte er sein Schicksal. Ein letztes Mal öffnete die fiebrigen Augen.

Über ihm reckten sich die Schatten zerzauster Baumriesen in den neuen Tag hinein. Lustig trällerte ein Eichelhäher, in der Ferne hackte ein Specht und frühstückte schon. Ameisen schleppten ihre Bündel vorbei, während eine Spinne emsig ihr Netz wob. Der Sterbende dachte an seine Frau Klara und sah ihr in die lebhaften, braunen Augen. Zärtlich strich er ihr übers Haar. Er sah seine Buben ausgelassen mit dem Nachbarshund im Garten spielen. Auf seinem Gesicht schwebte ein zufriedenes Lächeln. Dann war sein Blick leblos und leer.

© Paul Bock

 

Jasmin – Wenn sich väterliche Liebe verirrt

Jasmin

 

DIENSTAG

23 Uhr 30

Pünktlich um 23.30 Uhr rumpelte die letzte Straßenbahn heran. Harry stieg ein, nahm vorn Platz. Ein junges Paar saß eng umschlungen weiter hinten. Die beiden amüsierten sich mit einem Handy. Sie kicherten vor sich hin. Vielleicht auch auf dem Nachhauseweg.
„N‘ Abend, Harry. Feierabend gemacht?“ begrüßte ihn der Straßenbahnführer und gähnte.
„Ja, heute ist es wieder spät geworden. Aber bald habe ich ein paar Tage Urlaub.“
„Bei all den Spätschichten könnt‘ ich den auch gebrauchen.“
„Ja, das glaub‘ ich dir.“
Harry spürte, wie Müdigkeit ihn überkam. Jetzt nicht unterhalten.
„Bitte zurücktreten“, warnte der Fahrer durchs Mikrofon, sah mechanisch in die Außenspiegel, schloss die Türen.
Die Straßenbahn setzte sich in Bewegung. Ihr Weg führte an hell erleuchteten Schaufenstern vorbei. Gardinen- und Teppichgeschäfte zeigten ihre Waren unter grellen Neonlampen, während ein Gemüseladen und ein Juwelier nur Notbeleuchtungen eingeschaltet hatten. Nun erhoben sich links und rechts mehrstöckige Wohngebäude. Harry kannte den Weg genau. Mehrmals in der Woche stieg er auf dem Nachhauseweg in diese Linie. Durch die verschmierten Scheiben verfolgte er gedankenlos den schnellen Wechsel des immergleichen Bilderkinos.
„Bei dem Schichtplan sehe ich meine Kinder manchmal gar nicht,“ nahm der Fahrer den Gesprächsfaden wieder auf, „oft bin ich noch unterwegs, wenn sie schon lange schlafen. Naja, den Dienst kann ich mir nur selten aussuchen.“
„Hm.“ Harry nickte zustimmend.
„Wohin fährst du denn im Urlaub?“
Harry gähnte, wollte aber nicht unhöflich sein und antwortete: „Meine Tochter kommt mich besuchen. Jasmin. Wir werden …“
„Du hast eine Tochter? Das habe ich gar nicht gewusst …“
Für einen Augenblick wandte er sich Harry zu. Seine Stimme klang interessiert, als er nachschob: „Habe dich noch nie mit ihr zusammen gesehen.“
„Sie lebt bei ihrer Mutter … In drei Monaten wird sie schon sechzehn. Da vorn muss ich aussteigen.“
„Keine Bange, ich setz‘ dich direkt vor deiner Bettkante ab.“

 

23 Uhr 44

Wenige Minuten später schloss Harry seine Wohnungstür auf und schaltete das Flurlicht ein. Die Zweizimmerwohnung lag im dritten Stock. Nach der Scheidung vor zwei Jahren war er hier eingezogen. Obwohl er sich inzwischen mit ein paar Möbelstücken häuslich eingerichtet hatte, bedrückte ihn ihre düstere, einsame Atmosphäre. Daher genoss er es, erst spät nach Hause zu kommen. Zehn bis zwölf Stunden lang arbeitete er täglich als Servicekraft in Heinz´ Gasthaus, so dass er oft erst die letzte Straßenbahn nahm. Heinz kannte er seit Jahren, denn Harry hatte manche Abende bei ihm in geselliger Runde verbracht. So hatte er ihn dann nach der Haftentlassung eingestellt. Heute schätzte der Wirt seine zuverlässige Arbeit und zog ihm keinen Cent vom Gehalt ab, wenn er einmal dort etwas aß.
Müde ließ er sich im Wohnzimmer auf das Sofa sinken und legte vorsichtig die Brille auf den Tisch. Dann griff er nach einer kleinen Blechdose, die dort unter einer Fernsehzeitung hervorlugte, und öffnete den Deckel. Ein zusammengefalteter Zettel und ein kurzer Bleistift kamen zum Vorschein. Er nahm beides heraus, schlug das Blatt Papier auf und kramte mit der Rechten in seiner Hosentasche herum, um mühsam nach dem Trinkgeld zu fingern. Im Schein des Deckenleuchters zählte er die Münzen in die Dose: Sieben Euro sechzig. Er addierte den Betrag auf dem Zettel und lächelte still in sich hinein. Eine Zeremonie, die er jeden Abend genoss. Denn er sparte seit Monaten für Jasmins sechzehnten Geburtstag.
Als er das große Foto seiner Tochter an der Wand liebevoll ins Auge fasste, überkam ihn ungeduldige Freude. In zehn Tagen sähen sie sich wieder. Dann wollte er sie in ein vornehmes Restaurant zum Essen ausführen. Als er sie das letzte Mal in den Osterferien getroffen hatte, war sie ihm bei der Begrüßung um den Hals gefallen und hatte ihn liebevoll auf die Wange geküsst. Inzwischen hatte sie sich zu einer wortgewandten, selbstbewussten Dame gemausert. Als er jetzt an sie dachte, klopfte sein Vaterherz voller Stolz.
Dass sie seine Tochter war, erkannte jeder auf den ersten Blick: dunkle kurze Haare über kieselblauen Augen, die wie Smaragde aufblitzten, wenn Wut in ihr aufkochte. Sie hatte sein Temperament geerbt. Machtlos kämpfte er selbst noch heute gegen Aggressionen an. Obwohl sie ihn vor Jahren monatelang ins Gefängnis gebracht hatten.
Als er damals im „Zinnkrug“ saß und sein Bier trank, hatte ihm ein betrunkener Rowdy kurzerhand das Glas über den Kopf gegossen.
„Na, Alter, jetzt hast du dich aber nass gemacht!“
Harry wischte sich schäumendes Bier aus den brennenden Augen, nach Luft schnappend sprang er auf.
Sekundenschnell spannten sich alle Muskeln an, er sah nur noch rot. Blitzschnell schoss seine Rechte hervor, streckte den Halbstarken zu Boden. Bewusstlos blieb der Angreifer zwischen den Stühlen liegen.
„Im Namen des Deutschen Volkes verurteile ich Sie zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft wegen schwerer Körperverletzung unter Alkoholeinfluss“, hatte der Richter ihm nach dem Verfahren verkündet.
Daran war seine Familie zerbrochen, denn schon während der Haft hatte sich Karin scheiden lassen. Eine Last, die er bis heute mit sich herumtrug.
Erst spät in der Nacht legte er sich schlafen. Die Vorfreude auf ihr Wiedersehen hielt ihn wach. Er ahnte nicht, dass sein mühsam aufgebautes neues Leben schon in drei Tagen wie eine Seifenblase zerplatzen würde.

 

MITTWOCH

4 Uhr 53

Das Telefon schrillte und riss Harry aus dem Schlaf. Benommen sah er auf den Wecker: kurz vor fünf. Er hatte kaum drei Stunden geschlafen. Langsam verblassten die Bilder einer lustigen Schlittenfahrt mit Jasmin, von der er soeben geträumt hatte.
Wer riss ihn jetzt aus dem Schlaf? Hatte sich jemand verwählt, spielte ein Jugendlicher mit seinem Telefon? Die Störung nahm kein Ende. Mühsam drehte er sich aus dem Bett und schlurfte im Halbdunkel an den Apparat. Barfuß und schlaftrunken griff nach dem Hörer.
„Ja?“ brummte er ärgerlich in die Muschel. Seine Stimme klang gereizt und müde.
„Harry, bist du es? Hier ist Karin.“
„Du? … Was willst du denn schon so früh von mir? Ich habe dir doch dein Geld überwiesen!“
Hellwach starrte er ins Dunkel und lauschte erwartungsvoll. Karins Stimme wirkte dünner und leiser als gewöhnlich. Auf alles gefasst fingerte er nach dem Lichtschalter an der Wand. Er spürte, wie sich seine Nackenmuskeln anspannten.
„Jasmin ist verschwunden. Sie ist gestern nach der Schule nicht mehr nach Hause gekommen.“
Ihre Stimme klang emotionslos, als ob sie ihm nur irgendeine Nachricht übermittelte. Seine Gedanken überschlugen sich. Er erinnerte sich, dass sie ihm schon früher vieles völlig gefühllos mitgeteilt hatte. Im gleichen monotonen Tonfall hatte sie ihn damals auch über die Scheidung unterrichtet.
„Was? … Warst du schon bei der Polizei? Hast du mit ihren Freundinnen gesprochen?“
„Ja natürlich … Vielleicht ist ihr etwas zugestoßen … Die Polizei hat gesagt, dass der Drogenhandel in der Stadt zunimmt. Besonders in den Nachtclubs, aber auch auf der Straße beim Schulzentrum.“
„Aber Jasmin nimmt doch keine Drogen! Sie ist vernünftig und rührt so ein Zeug nicht an. Wer sollte ihr so etwas geben? War sie vielleicht wieder im ´Treff´? Du weißt schon, diese Disco.“
„Ich weiß nicht … Erzählt hat sie jedenfalls nichts … Der Polizist hat gesagt, nur einmal probieren ist schon zuviel … Aber er hat mir versprochen, dass sie Jasmin suchen werden.“
„Warst du bei der Polizei unten im Zentrum beim Bahnhof?“
„Ja.“
„Glaubst du wirklich, sie nimmt irgendwelche Drogen? Oder hat sie sich in der letzten Zeit irgendwie verändert? Das Zeug verändert doch die Psyche.“
„Ich weiß nicht. Verändert hat sie sich nicht. Manchmal bleibt sie nach dem Unterricht bei Freundinnen, um dort Hausaufgaben zu machen … Sie spricht nicht soviel mit mir. Wohl ein schwieriges Alter.“
Für einen Augenblick klangen ihre emotionslosen Worte schuldbewusst. Harry atmete tief durch. Jetzt hätte er sich am liebsten eine Zigarette angesteckt. Karin schwieg. Dann beendete er das Gespräch: „Okay. Ich werde sie finden.“
Den Nachsatz ´Mach dir keine Sorgen´unterließ er bewusst. Denn Jasmin war für Karin schon immer ein Problem. Um ihre berufliche Karriere zu retten, hatte sie sogar eine Abtreibung erwogen. Harry hatte ihr davon vehement abgeraten. Als es dann zu spät gewesen war, lamentierte Karin und bedauerte ihr Schicksal. Monate später hielt er die kleine Jasmin zum ersten Mal im Arm. Dabei blinzelte sie ihn neugierig an. Er verliebte sich sofort in sie.

 

5 Uhr 22

Unten auf der Straße ratterte die erste Straßenbahn vorbei. Harry kroch wieder unter die Bettdecke. Ohne einzuschlafen, wälzte er sich hin und her. Wo war Jasmin? War sie in Sicherheit? Täglich berichtete die Presse von vermissten Personen. War sie okay? Warum kümmerte sich Karin so fahrlässig um Jasmin? Sie war sie noch nicht einmal sechzehn! Höllischer Hass auf Karin nährte seine Wut. Er spürte, wie der gierige Zornteufel in ihm brüllte. Aber auf keinen Fall schaltete er die Polizei ein. Verurteilung und Haft hatten jedes Vertrauen in Recht und Gesetz in ihm begraben.

 

11 Uhr 13

Stunden später servierte Harry den Gästen wieder Tagessuppe, Schnitzel mit Pommes und gemischtem Salat oder Koteletts mit Kartoffeln. Höflich wie immer erkundigte er sich nach ihren Wünschen und notierte die Bestellungen. Beim Abräumen empfahl er Schokoladeneis mit heisser Vanillesoße oder Pudding nach Art des Hauses.
Obwohl er während der Haft gelernt hatte, seine wahren Gefühle zu verbergen, gelang ihm das heute nur mühsam. Mit aufeinandergepressten Lippen und traurigen Augen bewegte er sich seltsam steif und ungelenk zwischen den Tischen.
„Alles okay mit dir?“fragte ihn Heinz, als Harry benutztes Geschirr in die Küche brachte.
Zögernd stellte Harry das Tablett ab, wandte sich dem Wirt zu.
„Meine Tochter ist verschwunden. Letzte Nacht hat mich Karin angerufen, du weißt schon, meine Geschiedene.“
Dann sprudelte es aus ihm heraus:
„Sie kümmert sich kaum um das Mädchen. Wie konnte sie sonst von heute auf morgen spurlos verschwinden? Sie ist schon immer eine Rabenmutter gewesen.“
Heinz stellte einen Topf geschälter Kartoffeln auf den Gasherd.
„Reg´dich nicht auf. Sie wird schon wieder auftauchen. Wie alt ist sie denn?“
„Fast sechzehn.“
„Ja, das ist wohl ein kritisches Alter. Ich habe selbst zwar keine Kinder, aber man hört immer mal wieder, dass Heranwachsende falsche Freunde finden oder von zu Hause weglaufen. Habt ihr die Polizei eingeschaltet?“
„Karin hat sie dort als vermisst gemeldet. Du weißt, ich halte von Polizei gar nichts. Es muss noch andere Alternativen geben.“
„Entschuldigung, wenn ich störe. Aber ich möchte zahlen.“
Ein junger Mann in feinem Anzug stand in der geöffneten Küchentür.
„Ich bin schon für Sie da.“
Als Harry kassierte, legte der Mann ein paar Münzen dazu. Er bedankte sich mit einem kurzen Nicken und steckte sie ein. Wozu Trinkgeld, wenn Jasmin fortblieb?

 

22 Uhr 28

Am späten Abend hatten viele Gäste das Lokal verlassen. Der Herr an Tisch fünf bestellte noch ein Bier bei ihm. Er füllte das Glas unter dem Zapfhahn, als vergangene Bilder wie ein Film in ihm vorbeizogen:
Jasmin war damals ein Kleinkind. Sie vergötterte ihn, quengelte den ganzen Tag, um bei ihm zu sein. Er erinnerte sich, wie sie sogar auf ein Eis am Stiel verzichtete, wenn er ihr versprach, mit ihm Ruderboot zu fahren.
„Darf ich heute vorn sitzen, Papa?“
Sie trippelte immer ein paar Schritte voraus. Am Steg, der zum Bootsverleih führte, griff er nach ihrer Hand.
„Jetzt bleibst du brav bei mir, Jasmin.“
„Ja, Papa … Darf ich im Boot vorn sitzen? Bitte, Papa.“
„Aber nur, wenn du mir versprichst, ruhig sitzen zu bleiben.“
„Versprochen. Dann bin ich der Kapitän.“
Sie lachte ihn an und zwinkerte ihm kameradschaftlich zu. Ihr sommersprossiges Gesicht strahlte voller Glück. In solchen Augenblicken konnte er seiner Tochter nichts abschlagen. An Sonntagnachmittagen tobten sie auf dem Spielplatz ihrer Wohnsiedlung herum. Beim Rutschefahren fand sie dann kein Ende.
„Nochmal, nochmal, Papa!“
Er hielt sie auf seinem Schoß fest, laut johlend setzten sie im Sand auf. Sie war schon damals hungrig nach Abenteuer und Freiheit. Karin zeigte nie Lust, sie zu begleiten.
„Das Glas ist voll, Harry. Mehr passt wirklich nicht mehr hinein.“
Er erschrak. Bier tropfte über seine Rechte.
Hastig wischte er sich die Hand an einem Tuch ab und sah auf.
Am Tresen vor ihm stand ein kräftig gebauter Mann Mitte dreissig, der ihm freundlich zuzwinkerte.
„Erkennst du mich nicht mehr? Ich denk´, ich seh´nicht richtig, als ich reinkomme: der Harry.“
Harry versuchte zu lächeln.
„Natürlich weiß ich noch, wer du bist: der starke Klaus. Wie geht´s dir denn? Wann haben sie dich entlassen?“
„Nicht so viele Fragen auf einmal … Bin eigentlich ganz zufrieden. Vor fünfeinhalb Monaten haben sie mich gehen lassen. Inzwischen hat mir mein Bewährungshelfer Arbeit besorgt.“
„Prima … Moment, bin gleich wieder bei dir.“
Harry servierte das bestellte Bier und kam mit einem vollen Tablett benutzter Gläser zu ihm an die Theke zurück.
„Du machst das wie ein Profi“, lobte ihn dieser.
Harry stellte die Gläser auf die Theke und spülte sie im Becken ab. Er war froh, endlich mit einem vertrauten Menschen zu sprechen. Er schenkte ihnen zwei Klare ein und prostete seinem ehemaligen Zellennachbarn zu.
„Komm, setzen wir uns.“
Harry nahm die Flasche mit dem Korn. Klaus folgte ihm mit den Gläsern an einen der hinteren Tische.
„Blass siehst du aus, Harry. Naja, bei der Hetze hier wohl kein Wunder.“
„Nein, das ist es nicht … Meine Tochter ist verschwunden. Schon seit gestern.“
Tränen in den Augen, schüttelte Harry den Kopf. Er schämte sich und versuchte, seine Gefühle sofort zu unterdrücken. Schnell wischte er sich mit dem Handrücken über das Gesicht.
„Meine Ex kümmert sich kaum um Jasmin. Sie vermutet, dass Jasmin Drogen nimmt und auf die schiefe Bahn abrutscht.“
Er goss die Schnapsgläser erneut voll.
„Weißt du, Jasmin ist ein aufgewecktes, intelligentes Mädchen. So etwas tut sie bestimmt nicht. Ihr Verschwinden muss eine andere Ursache haben.“
„Was kann ich für dich tun, Harry?“
„Du kannst mir helfen, sie zu finden.“
Dann saßen sie trinkend am Tisch. Erinnerungen an ihren gemeinsamen Gefängnisaufenthalt erwachten. „Kannst du dich noch an den Müller erinnern? Den Wärter aus Block C?“
„Natürlich. Der hatte so einen stechenden Blick.“
„Ja, der war irgendwie unheimlich.“
Harry sah den Schließer jetzt deutlich vor sich: ernstes Gesicht, kurze Haare, Schlüsselbund in der Rechten.
Am letzten Platz flüsterte ein Pärchen miteinander, das ab und zu zu ihnen herübersah. Zwei Tische weiter vorn saß ein junger Mann scheinbar teilnahmslos vor seinem Bier. Der Wirt begann damit, freie Tische abzuwischen, um Stühle darauf zu stellen. Er ließ Harry verständnisvoll gewähren. Das Pärchen zahlte bei ihm. Kalte Nachtluft zog herein, als sie das Lokal verließen. Dann verschwand Heinz in der Küche.
Gegen ein Uhr nachts hatten die beiden die ganze Flasche geleert. Klaus stützte sich träge am Tischrand auf. Seine glasigen Augen blitzten Harry an, als er lallte: „Gleich morgen unternehmen wir etwas … Versprochen, Harry.“
„Ja, wir müssen sie finden. Jasmin ist mein einziges Kind. Aber wo fangen wir an?“
„Lass uns das morgen besprechen. Jetzt habe ich zuviel getrunken. Dafür brauche ich einen klaren Kopf.“
Ein junger Mann, der bisher scheinbar teilnahmslos neben der Garderobe gesessen hatte, kam zu ihnen herüber. Er brachte sein halbvolles Bier mit.
„Darf‘ ich, Jungs?“
Harry sah erschrocken zu ihm auf und nickte ihm schweigend zu. Der Mann rückte sich einen freien Stuhl zurecht, stellte sein Glas auf den Tisch und setzte sich neben ihn. Er nahm einen Schluck und runzelte die Stirn. Hinter blankgeputzten Brillengläsern wanderten seine hellblauen Augen von Harry zu Klaus und wieder zurück.
„Hab`gehört, dass deine Tochter plötzlich verschwunden ist und wohl einem Dealer auf den Leim gegangen ist. Ehrlich, Mann, kann deine Sorge gut verstehen. Vielleicht kann ich dir helfen.“
Harry starrte den Mann mit großen, erwartungsvollen Augen an.
„Wirklich?“
„Ja, ich habe Kontakte. Kannst mir glauben.“
Der Wirt kam gähnend aus der Küche.
„Ich schließ jetzt ab. Zeit für Nachtschwärmer, ins Bett zu gehen.“
Der junge Mann fingerte ein paar Münzen aus seiner Hosentasche, zählte kurz ab und legte sie auf einen Bierdeckel. Dann kritzelte er rasch eine Telefonnummer auf den Deckel und schob ihn Harry zu.
„Ruf dort an. Sie werden dir helfen.“
„Danke.“
Die Ziffern verschwammen vor Harrys Augen. Er konnte sein Glück nicht fassen.

 

DONNERSTAG

11 Uhr 56

Das Telefon schrillte. Harrys Kopf tobte. Er nahm den Hörer ab.
„Ja?“
„Hallo, Harry. Hier Klaus. Ich habe mir Gedanken gemacht … Du kannst dir bis nächsten Montag ruhig freinehmen. Dann hast du genug Zeit, deine Tochter zu suchen.“
„Danke, Klaus.“
Er hatte er jetzt keine Lust, sich länger zu unterhalten, und schluckte eine Aspirin ohne Wasser. Sie schmeckte bitter. Wiederholt versuchte er, Karin telefonisch zu erreichen. Doch sie nahm nicht ab. Wenn sie seine Nummer gespeichert hatte, sah sie sofort, dass er sie anrief. Einer Konfrontation mit ihm wollte sie sicherlich aus dem Weg gehen. Aber so leicht aus der Verantwortung stehlen? Kannte sie seine Handynummer? Er beschloss, später sein Mobiltelefon zu nehmen.
Enttäuscht öffnete er das Fenster im Wohnzimmer. Kalte Luft zog herein. War Jasmin etwas zugestoßen? Warum meldete sie sich nicht bei ihm? Für eine Weile beobachtete er tief unten Fußgänger und Fahrzeuge. Fast zwölf Uhr. Pulsierendes vormittägliches Treiben. Schulkinder strömten johlend aus der Straßenbahn. Fahrrad- und Kradfahrer, Pkws und Busse schlängelten im Verkehrschaos. Während er verzweifelt überlegte, wo er Jasmin am besten aufspürte, nahmen die Kopfschmerzen allmählich ab. Schließlich nahm er sich vor, sie zuerst an ihrer Schule zu suchen. Er erinnerte sich an die Worte des unbekannten Mannes, der ihm gestern in der Gaststätte Hilfe angeboten hatte:
„Ruf dort an. Sie werden dir helfen.“
Für einen Augenblick zögerte Harry, holte dann den Bierdeckel und sein Handy. Er schloss das Fenster. Die Stille der Wohnung gab ihm Zuversicht. Auf jeden Fall einen Versuch wert, dachte er und tippte die Nummer ins Handy. Erwartungsvoll spürte er, wie sich seine Nackenmuskeln versteiften. Das Freizeichen klang wie ein Pulsschlag.
„Ja?“ meldete sich eine Bassstimme.
„Ich bin Harry. Meine Tochter Jasmin ist …“
„Hallo Harry,“ fiel ihm die Bassstimme ins Wort, „ich bin Hans. Weiß schon Bescheid. Pass auf. Komm in einer Stunde in den Stadtpark …“

 

13 Uhr 05

Voller Spannung wartete Harry auf der Parkbank, die ihm Hans beschrieben hatte. Vor ihm verlief ein Fußweg, der links weithin Einblick gewährte und sich rechts hinter einer Buschgruppe verlor. Kühler Wind blies ihm ins Gesicht. Er fröstelte. Die Jacke wärmte ihn kaum. Ungeduldig wanderte sein Blick über den Weg. Aus den Büschen flatterte eine Amsel heraus, trippelte über den Boden und pickte eine Beere auf. Harry erinnerte sich an seinen ersten Einbruch. Damals wartete er ebenso gespannt. Er hatte vor dem Haus im Auto ausgeharrt, die zitternden Hände auf dem Lenkrad, spürte noch heute die Schweisstropfen auf der Stirn.
Hinter den Büschen rechts tauchte unvermittelt ein hagerer, kahlköpfiger Mann auf. Er führte einen Schäferhund an kurzer Leine. Sein schwarzer Mantel hing schwer bis über die Knie herab. Die Beine steckten in blankgeputzten, dunklen Stiefeln. Seine Schritte knirschten auf dem Kiesweg. Als er näher kam, nickte er Harry kurz zu. Der Mann setzte sich neben ihn auf die Parkbank, ohne ihn anzusehen.
„Du bist Harry? Ich bin Hans.“
„Ja.“
Sofort erkannte er den tiefen Bass wieder. Er beäugte das Profil des Unbekannten, nickte ihm zu. Wie eine Statue wartete der Schäferhund in Habtachtstellung vor Hans. Er schob die Hände in die Manteltaschen und lehnte sich zurück. Dabei behielt das Tier aufmerksam im Auge. Harry roch das herbe Rasierwasser des Mannes. Als die Bassstimme anhob, spitzte der Hund die Ohren.
„Wir helfen dir gern. Hast du ein Foto deiner Tochter dabei?“
Harry holte sein Smartphone aus der Jackentasche, tippte auf das Display und zeigte dem Anderen das Bild.
„Wie alt ist sie denn?“
„Am neunten Oktober wird sie sechzehn.“
Hans zog ein Handy aus dem Mantel, griff nach Harrys Smartphone und kopierte das Foto auf sein Gerät.
„Wir haben ein gutes Netzwerk. Das Bild verteile ich dort gleich mal. Vielleicht …“
Von links näherte sich eine Rentnerin und schlenderte langsam vorbei. Für einen Augenblick sah sie zu ihnen herüber. Hans schwieg und wählte offenbar eine Nummer auf seinem Handy.
„Vielleicht haben die … Kollegen sie irgendwo gesehen. Wir beobachten nämlich Dealer und Drogentreffs.“
„Mit dem Zeug hatte Jasmin noch nie etwas zu tun.“
Hans‘ Telefon brummte.
„Ja? … Ist sie ansprechbar? Also zugedröhnt. Bleib dort. Ich komme. Dann holen wir sie da heraus.“
„Ihr habt sie gefunden? Das ging aber schnell! Danke, Hans, danke! Sie ist mein einziges Kind. Wunderbar! Das wird ein Wiedersehen! Ich habe nämlich erstmal freigenommen. Sie hat bald Geburtstag.“
Freudig rutschte er auf der Parkbank hin und her. Er spürte, wie sich Gesichts- und Nackenmuskeln entspannten.
„Ja, das ging diesmal wirklich schnell. Wir bringen sie wieder nach Hause. Wo wohnst du?“
Hans notierte die Adresse im Handy. Als er es dann in die Manteltasche schob, huschte zum ersten Mal ein Lächeln über sein hageres Gesicht.
„Wenn du dich wirklich bei mir bedanken willst, kämpfe aktiv mit uns gegen den Drogensumpf. Deine Tochter hängt jetzt an der Nadel. Aber bis morgen Vormittag ist sie wieder bei dir. Hilf uns, die Dealer auszuräuchern.“
Er schwieg kurz, sah Harry mit traurigen Augen an und fragte: „Bist du dabei?“
„Ja, auf jeden Fall.“
„Du brauchst nicht viel zu tun. Aber du musst es heute abend machen. Und natürlich darfst du mit niemandem darüber sprechen. Ich erkläre dir alles …“
Nachdem Hans verschwunden war, wählte Harry Karins Nummer, um ihr die frohe Botschaft mitzuteilen. Er klingelte durch, aber Sie nahm den Anruf auch jetzt nicht entgegen. Rabenmutter! Wer weiß, wo sie sich herumtrieb. Klaus wollte er erst später ins Vertrauen ziehen, wenn alles vorüber war.
Morgen Vormittag wäre sie wieder bei ihm. Harry nahm sich vor, sofort nach ihrer Rückkehr mit Dr. Konstantin zu sprechen. Vor ein, zwei Jahren hatte sein Hausarzt sie schon einmal wegen einer Beinverletzung behandelt. Ein erfahrener Mediziner. Bei dem Gedanken wurde ihm Jasmins Situation glasklar, und seine Wut auf Dealer wuchs ins Unermessliche. Wer Drogen verteilt, gehört hart bestraft! Heute Abend bekamen sie ihre gerechte Strafe. Auf dem Rückweg durch den Park stieß er zornig mit dem Fuß Mülleimer um. Ein Junge mit Schulranzen kreuzte seinen Weg. Er lachte ihn an und schüttelte verständnislos den Kopf. Am Stadtparkturm zeigte die Uhr 14.32 Uhr.

 

22 Uhr 08

„Gleis sieben. Bitte zurücktreten. Gleis elf, Regionalbahn aus Bonn, hat heute fünfzehn Minuten Verspätung. Die Anschlusszüge nach Köln – Düsseldorf und Koblenz warten.“
Das Fensterglas des Buchladens glänzte blitzblank. Reisebände, Romane und Zeitschriften lagen im Neonlicht. Darunter schwirrte ein Nachtfalter pausenlos herum. Motten tanzen immer um`s Licht, hatte seine Mutter ihm schon früh beigebracht. Verstohlen musterte sich Harry in der Scheibe. Beruhigt stellte er fest, dass er mit dem kleinen, hellbraunen Koffer wie ein Bahnreisender aussah. Erst vor fünf Minuten hatte er ihn aus dem Schließfach Nr. 154 herausgeholt.
Vorsichtig sah er sich um. Fahrgäste strömten achtlos an ihm vorbei. Der Reinigungsdienst leerte überquellende Mülleimer und Papierkörbe. Eine Kehrmaschine zog ihre Bahnen. Herber Schimmelgeruch zog heran. Zwei Bundespolizisten schlenderten von links in Richtung Nordausgang. Einer griff nach seinem Funkgerät. Jetzt blieben sie stehen, kehrten um. Langsam näherten sie sich dem Infopoint, kaum zwanzig Meter vom Buchgeschäft entfernt. Harry erkannte deutlich ihre Pistolen am Gürtel und die Funkgeräte. Aufmerksam verfolgten sie das hektische Bahnhofsgetriebe. Seine Finger spannten sich um den Koffergriff. Unauffällig wandte er sich dem Buchgeschäft zu, trat näher. Die Polizisten umkreisten den Infopoint, verschwanden in den Tiefen des Bahnhofs.

 

22 Uhr 21

Das kleine Bistro lag in zweiter Reihe am Westgang. Als er eintrat, verließ ein Pärchen das Lokal. Sofort zog er einen der frei gewordenen Stühle heran und setzte sich. Er stellte den Aktenkoffer neben sich auf den Boden. Frische Baguettes dufteten nach Käse. In der Auslage lagen letzte Sahnetortestücken, Croissants und belegte Brötchen mit Salatblättern, Tomatenscheiben und Zwiebelringen. Sein Magen knurrte, aber an Essen war nun nur zu denken. Er nahm sich vor, sich später eine Kleinigkeit zu Hause warm zu machen.
Die Gäste unterhielten sich laut miteinander, lachten. Ein Pulk Ausländer feierte lautstark an den hinteren Tischen. Unauffällig musterte Harry die Gesichter ringsum. Die Deckenleuchten tauchten das Geschehen in diffuses Licht. Wer Drogen verteilt, gehört hart bestraft! Umbertos Tozzis Stimme schwoll aus den Boxen: „Ti amo“, „Ti amo“. Die Bedienung brachte ihm sein Pils und kassierte gleich. Ihre Augen glänzten müde. Er legte Trinkgeld dazu. Damit kannte er sich aus. Bald führte er Jasmin fein zum Essen aus. Schon morgen wäre sie zurück.
Der kühle Schluck erfrischte. Harry spürte, wie die Schläfen pochten. Ob ihm die Gäste am Nebentisch seine Nervosität ansahen? Um sich zu beruhigen, zog er sein Smartphone aus der Jackentasche und stöberte im Adressbuch. Dann schob er den kleinen Aktenkoffer langsam mit dem Fuß unter den Tisch. Gierig trank zwei Schlucke, sah auf die Wanduhr über der Theke: 23:38 Uhr. Dann stand er auf und drängte sich grußlos zum Ausgang durch. Wer Drogen verteilt, gehört hart bestraft!
Als er am Infopoint vorbeihastete, hörte er jemanden hinter sich rufen:
„Sie haben Ihren Koffer vergessen!“
Atemlos erreichte er die Straßenbahn.

 

FREITAG

10 Uhr 12

Kommissar Jürgen Thomann öffnete seine Bürotür und trat auf den Flur. Dort wartete Harry auf einer Bank. Die Handschellen drückten schmerzhaft gegen die Gelenke. Neben ihm stand ein junger Polizist.
„Bringen Sie den Verdächtigen bitte jetzt zur Vernehmung herein.“
Der Uniformierte nickte und führte Harry zu ihm. Ohne ihn aus den Augen zu lassen, schloss er die Tür und postierte sich daneben.
„Bitte setzen Sie sich.“
Thomann deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.
„Die Handschellen bleiben erstmal. Das ist Vorschrift, wenn jemand Widerstand leistet.“

Als am frühen Morgen an Harrys Wohnungstür die Klingel rasselte, sah er ungeduldig zum Küchenfenster hinaus und erwartete Jasmin. Sofort öffnete er voller Vorfreude. Plötzlich drängten sich drei Polizisten herein, Handfeuerwaffen im Anschlag.
„Sie sind Harald Stegner?“
„Ja.“
„Treten Sie bitte an die Wand. Beine auseinander. Arme nach oben strecken.“
Überrascht folgte er der Aufforderung. Zwei kräftige Hände glitten über Beine, Brust und Arme.
„Alles okay.“
Der Polizist nickte seinen Kollegen zu.
„Sie müssen uns sofort ins Kommissariat begleiten. Dort erfahren Sie alles Weitere“, wandte sich der Beamte an ihn.
„Aber meine Tochter kommt noch. Ich muss unbedingt hier bleiben!“
„Nein. Sie sollen sofort mitkommen … Hat sie keinen Wohnungsschlüssel dabei?“
Zornig schrie Harry den Polizisten an, trat einen Schritt auf ihn zu: „Ich muss auf meine Tochter warten! Sie braucht meine Hilfe!“
„Hansen, legen Sie ihm am besten Handschellen an.“
Harry fragte sich, wie sie so rasch seine Spur aufgenommen hatten?

Am Getränkeautomaten bereitete sich Thomann einen Kaffee zu, nippte vorsichtig daran und setzte sich hinter den Schreibtisch. Dann schob er die Lesebrille zurecht und nahm Harry ins Visier. Flüchtig blätterte er einen Aktenstapel auf dem Tisch durch, zog eine blaue Mappe heraus, schlug sie auf. Er war verärgert. Jordan hatte ihm zur laufenden Arbeit heute noch den brandneuen Fall vom Bahnhof zugeteilt. Personalmangel. Warum delegierte der Chef so dringende Fälle nicht an jüngere Kollegen?
„Mein Name ist Kommissar Thomann. Sie sind hier im Kommissariat Mitte. Ich bin für Gewaltverbrechen zuständig. Sie sind Harald Stegner?“
„Ja.“
Vornübergebeugt starrte Harry den blankgeputzten Linoleumboden an. Wut und Verzweiflung brodelten in ihm, ein explosives Gemisch, das er genau kannte. Aber jetzt musste er sich zurückhalten. Wie würde Jasmin nun in seine Wohnung kommen? Wusste sie, dass der Hausmeister im Erdgeschoss einen Zweitschlüssel besaß?
„Sehen Sie mich bitte an, wenn ich mit Ihnen spreche“, forderte Thomann ihn in scharfem Ton auf. Harry lehnte sich zurück. Wütend funkelte er den Kommissar an.
„Wie ich Ihrer Akte entnehme, sind Sie wegen schwerer Körperverletzung unter Alkoholeinfluss im Gefängnis gesessen. Offenbar neigen Sie zu Gewaltverbrechen. Anhand der uns vorliegenden Erkenntnisse sind Sie offenbar an dem Bombenanschlag beteiligt, der gestern am späten Abend am Bahnhof geplant war. Möchten Sie dazu vorab etwas sagen?“
Harry schüttelte den Kopf und schwieg.
„Na gut. Übrigens stellen Kollegen inzwischen Ihre Wohnung auf den Kopf. Vielleicht finden wir dort noch Sprengstoff, Zünder oder anderes belastendes Material … Wer hat Ihnen bei dieser heimtückischen Tat geholfen? Oder haben Sie das ganz alleine gemacht?“
Harry schwieg, konzentrierte sich auf das graue Bodenmuster. Das Telefon unterbrach den Kommissar.
„Thomann … Ja. Ja. Versiegelt bitte die Wohnung … Kein Computer? Na gut. Sein Adressbuch bringt ihr bitte ins Büro. Danke erstmal. Bis später.“
Hatten die Polizisten Jasmin getroffen? Sie musste doch inzwischen dort sein.
Plötzlich stand Thomann auf, brüllte ihn an: „Sie sind ein feiger Attentäter, Stegner! Können vom Glück sagen, dass der Koffer noch rechtzeitig entdeckt wurde. Gottseidank keine Toten, keine Verletzten, kein Sachschaden.“
Harry schrak zusammen, sprang auf. Der Stuhl kippte nach hinten. Wütend erhob er die Arme. Die Handschellen klirrten, als er mit beiden Fäusten auf den Schreibtisch schlug. Ein Aktenstapel kam ins Rutschen. Verdutzt wich Thomann zurück, stieß den Drehstuhl hinter sich zur Seite.
„Stegner, setzen Sie sich sofort wieder hin!“
Harry spürte den eisernen Griff des Polizeipostens, der ihn nach hinten zog. Er schnappte nach Luft. Sein Brustkorb stach. Thomann stellte den Stuhl wieder auf, drückte ihn auf den Sitz zurück. Grimmig schrie er:
„Verdammt. Stegner! Sie sind doch ein intelligenter Mann! Bleiben Sie sitzen! Machen Sie jetzt nicht noch Randale! Sie haben sowieso keine Chance!“
Die Bürotür flog auf. Ein Beamter trat ein, sah misstrauisch auf Harry herab.
„Macht er Schwierigkeiten? Brauchst du Unterstützung, Jürgen?“ wandte er sich an Thomann.
„Nein. Kollege Dietrich hat ihn rechtzeitig gestoppt. Aber trotzdem danke, Alfred.“
„Wenn du mich brauchst, bleibe ich zur Sicherheit.“
„Ich sage dir Bescheid.“
Alfred nickte und verließ das Büro. Thomann setzte sich vorn auf die Schreibtischkante. Kaum fünfzig Zentimeter vor ihm kauerte Harry. Seine Schläfen pochten. Er roch Thomanns Deodorant.
„Warum haben Sie das gemacht? Stegner, ich rede mit Ihnen!“
Harry sah zu ihm auf, schwieg.
Jemand klopfte kurz an der Tür.
„Jetzt bitte keine Störung“, rief Thomann kurzangebunden.
„Ein dringender Anruf für Sie, Herr Kommissar. Zentrale.“
„Später. Ich bin in einer Vernehmung.“
Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr: „Notieren Sie Name und Nummer. Ich rufe in dreissig Minuten zurück.“
Die Tür klappte ins Schloss. Der Kommissar erhob sich, tigerte um den Tisch herum, legte den Aktenstapel zurecht. Dann schob er einen Stick in den Slot des PCs, drehte Harry den Monitor zu.
„Schauen Sie sich das einmal an, Stegner. Aus der Sache kommen Sie nicht mehr heil heraus.“
Eine erste Videoaufnahme zeigte, wie er vor dem Buchgeschäft wartete, den Koffer in der Hand. Im nächsten, kurzen Mitschnitt hatte eine Überwachungskamera ihn aufgenommen, als er das Bistro betrat. Der Koffer war deutlich zu erkennen. Siebzehn Minuten später verließ er eilig das Lokal. Kurz darauf tauchte ein Mann in dunklem Sakko vor dem Eingang des Bistros auf. Dieser lief Harry gestikulierend noch einige Meter nach, kehrte dann aber zum Lokal zurück.
„Sie sehen ein, dass wir kein Geständnis brauchen, Stegner. Die Beweise reichen für eine Anklage. Die U-Haft ist Ihnen erstmal sicher.“
Der Kommissar schwenkte den Monitor zurück, trank einen Schluck Kaffee und lächelte Harry zufrieden an.
„Aber“, schob er mit leiser Stimme nach, „ein Geständnis und ein schlüssiges Motiv können Ihr Strafmaß verkürzen … Im Bistro treffen sich jeden Abend viele Ausländer. Gehören Sie der rechten Szene an?“
Harry schüttelte den Kopf und brach sein Schweigen: „Nein, gegen Ausländer habe ich nichts. Aber gegen Drogenhändler.“
„Wollen Sie damit sagen, dass Sie dort Drogenhändler umbringen wollten?“
„Ja.“
„Ich kenne mich in der Drogenszene der Stadt aus. Das Lokal ist definitiv kein Treff für solche Leute. Wie kommen Sie denn darauf?“
„Aber … ich dachte …“
Verwirrt sah Harry zu Boden.
„Wer hat Ihnen das erzählt? Wer hat Ihnen den Koffer übergeben?“
„Jetzt ist sowieso alles egal … Ich erzähle Ihnen, was geschehen ist …“
Mühsam und immer wieder stockend berichtete er Thomann von den Ereignissen der letzten Tage. Dietrich schrieb Protokoll.
„Das ist die Wahrheit, Stegner? Sie wissen, dass Sie die Wahrheit sagen müssen.“
„Ja. So ist es gewesen.“
Voller Schrecken erkannte Harry, dass Hans ihn für seine eigenen Zwecke missbraucht hatte. Wo aber war Jasmin?
Als Thomanns Telefon klingelte und er den Hörer abnahm, klopfte jemand an der Tür.
Dietrich öffnete und nahm Harrys Adressbuch und Handy entgegen.
„Ja, der sitzt mir gegenüber … Ja, wenn Sie möchten, können Sie ihn kurz sprechen. Aber wirklich nur kurz.“
Thomann schaltete den Außenlautsprecher ein. Sofort erkannte Harry Jasmins Stimme.
„Hallo, Papa. Leider habe ich dich zu Hause nicht erreicht. An der Wohnungstür klebt ein Polizeisiegel. Was ist denn passiert?“
Harry atmete schwer, beugte sich nach vorn.
„Wo bist du gewesen, Jasmin? Deine Mutter hat mich angerufen, weil du nicht mehr nach Hause gekommen bist.“
„Ach, Papa, Karin kommt jeden Tag erst spät nach Hause. Sie hört mir auch gar nicht richtig zu. Die letzten Tage habe ich nach der Schule bei Vanessa übernachtet. Sie ist in meiner Klasse. Meine beste Freundin. Ihre Eltern haben das erlaubt. Weißt du, ich würde am liebsten bei dir wohnen …“
„Das geht jetzt wohl nicht mehr, Jasmin. Du musst zu deiner Mutter zurück. Ruf sie bitte sofort an und sag ihr Bescheid. Hörst du?“
„Aber zu meinem Geburtstag unternehmen wir etwas miteinander. Ja, Papa?“
„Mal sehen … Pass auf dich auf, Jasmin.“
Der Kommissar legte auf. Harry sah schluchzend zu Boden.

 

© Paul Bock