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Globalisierung und Klimawandel kennen keine Grenzen

Wenn Insekten auf Wanderschaft gehen

Das Gleichgewicht in Natur und Umwelt ist längst dahin. Jetzt hebeln Klimawandel und Globalisierung auch noch mit vereinten Kräften daran herum. Die Folgen sind bekannt: die bunte Flora und Fauna verblasst, fremde Arten wandern ein. Kleine Lebensräume und große Ökosysteme verändern sich.

Die Karten im Artenspektrum werden neu gemischt. Ob Tiere fliegen, laufen, krabbeln oder kriechen, ihr Weg führt sie auch nach Deutschland. Freiwillig oder unfreiwillig. Bemerkt werden sie oft erst, wenn Forschung, Wissenschaft oder Gesundheitsbehörden Alarm schlagen. Denn manchmal bringen sie huckepack gefährliche Krankheitserreger mit. Ein gutes Beispiel dafür sind Insekten.

Klein und unauffällig – global aber mehr als 1 Million Insektenarten

Klein und unauffällig kommen sie zwar immer daher, aber gemein und gefährlich sind nur wenige von ihnen. Wie Krebse, Spinnen oder Tausendfüßler gehören auch Insekten zum Stamm der Gliederfüßer. Er hat innerhalb aller Stämme des Tierreichs am meisten Arten entwickelt. Dabei stehen die Insekten als artenreichste Klasse ganz oben. Zu ihnen zählen Falter und Käfer, Termiten, Wespen, aber auch Ameisen, Blattläuse oder Mücken. Bis heute haben Wissenschaftler weltweit schon ungefähr eine Million Insektenarten bestimmt. Sie gehen davon aus, dass dies nur einen Bruchteil aller vorkommenden Insekten ausmacht. Insekten sind also eine ganz große Nummer im Tierreich. Und in Zeiten globaler Märkte macht es ihnen der Mensch leicht, in lebenswertes Neuland einzuwandern, sich dauerhaft anzusiedeln und zu vermehren. Mücken oder Ameisen sind dafür gute Beispiele. Denn im Zeitalter des Klimawechsels finden sie auch in den nördlichen Regionen gute Lebensbedingungen.

Per Lkw von Neapel nach Frankfurt

Bringt zum Beispiel ein Obstgroßhändler aus Neapel seine Paprikas oder Artischoken per Lkw in den Großmarkt nach München oder Frankfurt, fahren sicherlich unter der Plane oder in Früchtekisten unfreiwillig Mücken mit. Oder wenn ein spanischer Betrieb Topfpflanzen an eine Gartenbaukette nach Nürnberg liefert, reisen gleich noch ein paar fremde Ameisen ein, die zum gegenseitigen Nutzen im Wurzelgeflecht leben. So geraten noch unbekannte Arten schließlich nach Bayern oder in andere Bundesländer – aus Gärtnereien, Gartenbaumärkten oder Handelsketten bis in heimische Pflanzbeete.

Der globale Warentransport und -handel dehnt so natürliche Verbreitungsgebiete aus. Von heute auf morgen. Und nicht nur die der Insekten. Je weiter der Frachtweg ist, umso größer ist die Gefahr, standortfremde Insektenarten einzuschleppen. Auch Urlauber bringen in Gepäckstücken, Kleidung oder Souvenirs unbemerkt Larven, Puppen oder ausgewachsene Insekten aus fernen Ländern mit. Ob Ameisen, Läuse oder Mücken, ob per Lkw, per Flugzeug, im Fell eines Wirtstiers oder freiwillig eingereist: keiner weiß genau, wo sie herkommen, wie sie heißen oder ob sie einheimische Arten verdrängen. Unbekannt bleibt meist auch, ob sie gefährliche Krankheitserreger übertragen.

Sandmücken fühlen sich erst ab 10 Grad Celsius wohl

Natürlich gibt es weder für einheimische noch für einwandernde Arten eine Meldebehörde. Und die Erforschung dieses Gebiets hat noch viele Meilen vor sich. Ein ganz wichtiger Meilenstein deutscher Forschungsarbeit ist der sogenannte „Mückenatlas“, in dem bundesweit das Vorkommen von Stechmücken kartiert wird. Jahrzehntelang lag dieser Acker der Forschungslandschaft ziemlich brach. Der Karren wurde wieder vor den Pflug gespannt, als krankheitsübertragende Insekten, wie die Sandmücke, die asiatische Busch- oder die asiatische Tigermücke, bei uns Einzug hielten.

Die Heimatländer der drei Mückenarten liegen fernab von Deutschland: die asiatische Buschmücke kommt ursprünglich aus Japan, Südchina und Korea und auch die Wiege der mit ihr eng verwandten asiatischen Tigermücke steht in Japan. Die Sandmücke lebt mit fast 700 Arten beinahe auf dem ganzen Globus. In europäischen Mittelmeerregionen zum Beispiel ist sie stark verbreitet. Ihr Weg in nördliche Regionen jenseits der Alpen, die inzwischen klimabedingt milder geworden sind, ist also nur ein paar Tausend Kilometer weit. Per Lkw oder im Flieger schafft sie das problemlos. Immerhin fühlt sie sich überall dort wohl, wo die Temperaturen im Schnitt über zehn Grad Cesius bleiben. Auch Deutschland wäre also für sie ein lebenswertes Auswanderungsdomizil – zumindest im Frühjahr und Sommer. In der Nähe von Gießen haben Forscher sie bereits entdeckt.

Schmetterlingsmücken legen bis zu 100 Eier

Sandmücken sind keine Stechmücken, sondern gehören zur Familie der Schmetterlingsmücken. Diese schneiden die Haut regelrecht auf, um dann Blut aus dem schmalen Ritz zu saugen. Stechmücken dagegen bohren ihren gezackten Rüssel durch die Haut. Obwohl Sandmücken – im Gegensatz zu Stechmücken – vor der Eiablage auch ohne Blut auskommen, wird angenommen, dass sie so häufiger und mehr Brut ablegen können. Auf diese Weise produzieren sie jedesmal bis zu 100 Eier. Wie andere Mückenarten deponieren sie sie an feuchten geschützten Stellen. Da natürlich nur die Weibchen Eier legen, saugen auch nur sie Blut. Müssen sie einmal ohne auskommen, ernähren sie sich wie die Stech- und Sandmückenmännchen lediglich von Nektar oder Pflanzensäften.

Aber egal, ob das Weibchen ritzt oder saugt, ob es mit speziell ausgebildeten Beisswerkzeugen oder einem Rüssel ans Werk geht, der Insektenspeichel kann gefährliche Erreger auf Mensch oder Tier einschwemmen. Die Sandmücke zum Beispiel kann so nachweislich Leishmanien übertragen, die sich als Einzeller leicht im Organismus einnisten und verbreiten. Sie führen zur sogenannten Leishmaniose. Gelangen beim Biss hingegen Bakterien in den Blutkreislauf des Menschen, können sie Oroya-Fieber oder Peruwanzen auslösen.

Leishmaniose – eine Infektionskrankheit aus dem Mittelmeerraum

Leishmaniose ist eine Infektionskrankheit, die hauptsächlich von Schmetterlingsmücken übertragen wird. Da diese Exemplare in Deutschland aber bisher nur selten vorkommen, ist dort die Infektionsgefahr auch äußerst gering. Wer allerdings in Italien, Spanien, der Türkei, in Nord- oder Ostafrika oder im Nahen Osten Urlaub macht, bringt die Krankeit manchmal unbemerkt mit nach Hause. Auch das Blut mitreisender Haustiere verschmähen die Mücken nicht. Je nach Krankheitsform zeigt sich die Infektion beim Menschen in unterschiedlichen Symptomen. So greifen Leishmanien nicht nur die Haut oder die Schleimhäute der Nase oder des Rachenraums an, sondern sogar Leber oder Milz. Ein rechtzeitiger Arztbesuch ist daher sehr ratsam.

Zentrale deutsche Stechmückendatenbank CULBASE setzt Akzente

Vor diesem Hintergrund schultern Wissenschaftler mit eifriger Unterstützung der Bevölkerung nun also eine große Aufgabe, die jedem Einzelnen von uns nutzt. Seit 2012 sammeln sie gewissenhaft Daten für den „Mückenatlas“ und werten sie aus. Ohne den fleissigen Einsatz der Bevölkerung wäre das hohe Ziel, die Verbreitung von Stechmücken bis in kleine Regionen hinein zu kartieren, gar nicht umzusetzen. An diesem Projekt arbeiten das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg (ZALF) und das Friedrich-Löffler-Institut in Greifswald (FLI) eng zusammen. Sie sind vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und vom Robert-Koch-Institut in Berlin dazu beauftragt worden.

In sinnvoller Arbeitsteilung erstellen die Wissenschaftler außer dem Kartenwerk eine umfangreiche Stechmückensammlung (ZALF) und eine DNA-Datenbank einheimischer Stechmücken (FLI). In der zentralen deutschen Stechmückendatenbank CULBASE laufen schließlich alle Fäden zusammen. Dort werden nach und nach weitere wichtige Fakten zu jeder Stechmückenart eingepflegt. Bevorzugte Lebensräume und Wanderrouten fremder Mücken lassen sich damit im Jahreslauf ebenso leicht feststellen wie der Rückzug heimischer Arten. So steht ein umfangreicher Besteckkasten bereit, um den Pulsschlag regionaler Insektenfauna jederzeit zu überwachen. Denn nicht nur Sandmücken, auch asiatische Busch- und Tigermücken stehen auf der Einwanderungsliste ganz oben.

Asiatische Busch- und Tigermücken siedeln sich an

Das Netz der Mückenforscher ist eng gespannt. So entdeckten sie Exemplare der asiatischen Buschmücke sogar in Belgien. Offenbar breiten sich die Insekten von den nördlichen Schweizer Kantonen, die sie reich bevölkern, weiter nach Norden aus. Im Süden Baden-Württembergs, in Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen sind sie schon großflächig vertreten. Inzwischen besteht kein Zweifel mehr darüber, dass diese Art in Deutschland überwintert. Da die Mückenart aggressiv sticht und dabei gefährliche Krankheitserreger übertragen kann, haben sich die Forscher eng an ihre Fersen geheftet. Neben unterschiedlichsten Virenarten, die beim Menschen Gehirnentzündungen auslösen, überträgt die asiatische Buschmücke auch den West-Nil-Virus. Dieser hat zwar in wärmeren Ländern weltweit gute Nährböden gefunden, kann aber in kühleren Regionen wie Deutschland bisher nicht überleben. Das West-Nil-Fieber zeigt sich beim Menschen in grippeähnlichen Symptomen, die innerhalb einer Woche wieder völlig abklingen. Die Infektionskrankheit wird daher oft mit einer aus dem Urlaub mitgebrachten „Sommergrippe“ verwechselt.

Im Fadenkreuz der Insektenforscher lebt auch die asiatische Tigermücke. Sie ist in Bayern und Baden-Württemberg aktenkundig und wird sich wohl in Deutschland dauerhaft ansiedeln, sobald die Temperaturen im Jahresschnitt steigen. Als enge Verwandte der asiatischen Buschmücke sieht sie dieser sehr ähnlich: ihren schwarzen Körper und die Beine umlaufen weiß-schimmernde Rundstreifen. Die asiatische Buschmücke dagegen fällt durch ihre weißen und silberfarbenen Farbringe um den dunkelbraunen Leib auf. Zwanzig verschiedene, in Deutschland noch weitgehend fremde Virenarten kann die Tigermücke einschleppen: zum Beispiel Erreger, die Dengue- oder Chikungunya-Fieber beim Menschen auslösen.

Dengue-Fieber tritt vor allem in den Tropen und Subtropen auf. Die Virusinfektion führt zu plötzlich einsetzendem Fieber. Dazu kommen Kopf- sowie starke Glieder- und Muskelschmerzen. Deutsche und britische Wissenschaftler gehen davon aus, dass weltweit jedes Jahr knapp 400 Millionen Menschen an Dengue-Fieber erkranken. Aber die Sterblichkeitsrate ist nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO weit unter einem Tausendstel aller Erkrankten.

Der Weg ist das Ziel

Im feingesponnenen Netz der Natur wird der Mensch noch viele Knoten aufdröseln müssen. Viele Fäden hält er dazu schon in der Hand. Andere müssen noch versponnen werden. Erst die Zukunft wird zeigen, wie er sein Drehbuch über Globalisierung und Klimawandel entwickelt und auf die Bühne bringt. Als Autor und Regisseur ist er zwar der Macher, die Spielregeln aber schreibt die Natur. So haben seltene Arten vielleicht sogar gute Chancen, bald Hauptrollen zu spielen. In jedem Fall bleibt das Thema Globalisierung und Klimawandel weiterhin spannend.

© Paul Bock

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